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Allison Gerklin

Goyl

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Kapitel 1

Sehr geehrte Cornelia Funke, ich liebe Ihre Geschichten und Ihren Schreibstil. Ich möchte später selbst auch Autorin werden (bin im Moment aber erst 12). Ach ja, und ich heiße NICHT Allison Gerklin, das ist bloß so ne Art Künstlername, den ich und eine Freundin uns ausgedacht haben. In der Geschichtenecke gibt es so unglaublich viele Geschichten und Gedichte, ich will auch selbst eine beifügen, aber ich war echt überrascht, wie verdammt gut diese Texte sind. Ich bin mir sicher, dass ich es niemals so gut hinbekommen werde, aber ich gebe mein Bestes.

Jetzt zur Geschichte. Ich bin eben das zweite Mal mit der Spiegelwelt-Trilogie fertig geworden und finde es immer noch schade, dass sie so ein offenes Ende hat. Ich habe fest vor, später irgendwann einmal einen vierten Band dazu zu schreiben. Doch jetzt erst mal eine kleine Kurzgeschichte über einen Menschengoyl. Viel Spaß beim Lesen, ich hoffe, die Geschichte gefällt euch! Schreibt gerne Kritik, Verbesserungen oder Äußerungen in die Kommentare und ob ich eine Fortsetzung machen soll.

 

Amira wollte es nicht glauben.

Sie hätte alles gedacht, aber nicht das.

Ihr Bruder … er hatte immer alles geschafft.

Doch dieses Mal…

Es lag an dem Zwerg, dem vermaledeiten Zwerg! Hätte er sie nicht aufgehalten, wären die Goyl ihnen nie nachgekommen.

Goyl. Das Wort fühlte sich an wie Schneckenschleim auf der Zunge.

In Gedanken spuckte Amira aus, Kami’en direkt vor die Füße. Und Hentzau. Der Bluthund des Königs war auch dabei gewesen, im Wald, mit drei anderen. Jaspis, Mondstein, Malachit, Amethyst.

Amira hatte Edelsteine gemocht. Bevor die Goyl an die Oberfläche gekommen waren. Nun verabscheute Amira alles, was mit ihnen zu tun hatte, seit jenem Nachmittag nur noch mehr.

Sie war mit ihrem Bruder in den Wald gegangen, jagen.

Amira mochte die Jagd. Sie traf immer.

Doch ihrem Bruder hatte auch sie nicht helfen können.

Niemand konnte ihm helfen.

Oder?

Nein.

Er war verloren.

Väter erschossen ihre Söhne, wenn sie den Stein entdeckten.

Man konnte zum Glück ihres Bruders sagen, dass ihre Eltern erst morgen von einer Reise zurückkehrten.

Glück.

Was war Glück?

Amira hatte nie richtig Glück gehabt.

Naja, immerhin hatten die Goyl nicht sie erwischt. Sie war nicht so blöd, um auf einen Zwerg zu hören.

So blöd?

Jetzt beschuldigte sie auch noch ihren Bruder. Er war nicht dumm. Nur langsam. Zu langsam für die Goyl. Und er hatte dem Zwerg getraut.

Der Zwerg hatte zu seinem Haus führen wollen.

Er hatte ihnen helfen wollen.

Oder?

Bei Zwergen konnte man nie wissen.

Und ihr Bruder hatte gezögert.

Einen Augenblick nur.

Lange genug für die Goyl.

Sie holten sie ein.

Und nun wuchs ihrem Bruder eine Haut aus Stein.

Amira hätte ihn weiterzerren sollen, weg von dem Zwerg.

Doch sie war weitergerannt.

Hatte sich nicht mal umgedreht.

Sie war an allem schuld.

Doch egal, wer die Schuld trug, den Stein in der Haut ihres Bruders rief es nicht zurück.

Und Amira lag in ihrem Bett und weinte, während ihr Bruder im Zimmer neben ihr ebenso schlaflos da lag und sich ebenso große Schuldgefühle machte.

Kapitel 2

 

Erics Träume waren dunkel.

Voller Malachit und Motten.

Er fürchtete seine Träume.

Eric hatte diese Träume, seit ihm der Goyl den Arm aufgerissen hatte.

Angst.

Erics Angst war nie größer gewesen.

Er würde den schreckverzerrten Ausdruck auf dem Gesicht seiner kleinen Schwester niemals vergessen. Niemals.

Amira tat ihm leid.

Sie hatten einander sehr gemocht.

Und nun würde sie ihren Bruder verlieren.

Eric spürte schon, wie sich etwas veränderte.

Wie er sich veränderte.

Er schlief nachts wenig und war trotzdem nicht müde.

Goyl brauchten nicht viel Schlaf.

Wie es wohl war?

Als Goyl.

Voller Hass und Zorn.

Worauf?

Er hatte das nie verstanden.

Vielleicht würde er es verstehen, wenn er erst einer von ihnen war?

Einem Freund von Eric war auch der Stein gewachsen.

Er war vor seinen Eltern geflohen und hatte bei den Goyl Zuflucht gesucht.

Als Kami’en mal wieder in der Stadt war, hatte Eric seinen Freund gesehen.

Mondstein.

Er hatte direkt durch Eric hindurchgeblickt.

Vergaß man als Goyl alles, was davor gewesen war?

All das Glück, die Freude, die Liebe?

Wurde all das von der Wut ertränkt?

War das Leben der Goyl so aussichtslos?

Wofür lebten die Goyl?

So viele Fragen.

Und die Antwort war nahe. Viel zu nahe.

Es war unausweichlich, was kommen würde.

Entweder er ging zu den Goyl, oder …

Eric schluckte.

Oder seine Eltern würden ihn erschlagen.

Er hatte einmal einen anderen Freund gehabt, dem der Stein gewachsen war.

Seine Mutter hatte ihm Gift ins Abendbrot gemischt.

Eric hatte Angst.

Solche Angst.

Was sollte er nur tun?

Kapitel 3

 

Ihre Eltern kamen am nächsten Tag zurück.

Amira sah die Droschke schon von weitem.

Sie kam zu Eric und sagte ihm Bescheid.

Der traurige Ausdruck auf seinem Gesicht erschreckte sie.

Eric stand auf und ging zu seiner Schwester.

Er umarmte sie. Fest. Lange.

„Vergiss mich, Amira“, flüsterte er. „Ich werde dich auch vergessen.“

Damit drehte er sich um und ging an ihr vorbei aus dem Zimmer.

Mit Tränen in den Augen sah sie ihm nach.

Sie würde ihn nicht vergessen können.

Niemals.

Kapitel 4

 

Eric rannte.

Er rannte schnell.

Nur damit Amira ihm nicht nachkam.

Er rannte aus der Stadt hinaus, über Wiesen, durch Wälder.

Nur kurz machte er Rast.

Wenn man dem Glauben schenken wollte, was die Leute in der Stadt erzählten, hatten die Goyl ihr Lager in der Nähe von Terpevas.

Es war nicht allzu weit von Schwansteins umliegenden Kleinstädten nach Terpevas.

Wenn er nicht aufgehalten wurde, würde er in ein paar Tagen dort sein.

Eric reiste nachts.

Tagsüber schlief er auf Bäumen.

Eric war schon immer ein guter Kletterer gewesen. Und wusste, welche Bäume gefährlich waren. Zum Glück.

Glück.

Nur ein Wort von vielen.

Seine Träume waren immer noch aus grünem Stein und schwarzen Motten.

Die Fee rief ihn.

Ich komme, Fee.

Siehst du es nicht? Ich komme zu dir.

Eric begann, sich damit abzufinden, dass er bald ein Goyl war.

Malachit.

Es hätte schlimmer kommen können.

Jaspis wie Hentzau, beispielsweise.

Oder Mondstein.

Mit Malachit war er einigermaßen zufrieden.

Obwohl, zufrieden konnte man seinen Zustand nicht nennen.

Er dachte immer noch zu oft an Amira und seine Eltern

Der Stein maserte ihm nun auch das Gesicht, auch einer der Gründe, weshalb er nur nachts reiste. Ein einzelner Goyl, der noch halb ein Mensch war, wäre aufgefallen.

Halb ein Mensch.

Er hatte sich von seinem Vater ein Pferd „geliehen“.

Es würde den Weg zurückfinden.

Selbst das Pferd sah ihn jetzt an wie einen Fremden.

War er ja auch.

Eric erkannte sich selbst nicht mehr.

Und seine Augen ertranken mittlerweile im Gold, wie er an den kleinen Tümpeln sah, an denen sie ab und an vorbeikamen. Er scheute vor diesen Tümpeln zurück.

Goyl verabscheuten Wasser.

Goyl.

Eric wollte keiner von ihnen sein.

Doch was zählte das?

Noch ein paar Tage und es würde keinen Eric mehr geben.

Der Goyl in ihm würde siegen.

Er wusste es.

Kapitel 5

 

Am siebten Tag ragten vor Eric die Stadttore von Terpevas auf.

Er war am Ziel.

Das Pferd ließ er laufen und es beeilte sich, von ihm wegzukommen.

Goyl.

Eric war nun unverkennbar einer von ihnen.

Und er wollte es sein.

Wollte all das, was er früher so verabscheut hatte.

Früher.

Wen interessierte, was früher war?

Der Moment zählte.

Und das, das noch kam.

Der Goyl trat durch das Tor.

Er musste nicht lange suchen.

Eric folgte einem Granatgoyl, der vor ihm durch die Straßen schlenderte.

Er führte ihn direkt zum Lager der Goyl.

Eric wurde von einem der Goyl wie von einem alten Freund begrüßt und eingeladen.

Hier fühlte er sich mehr zu Hause als …

Ja, als was?

Früher zählte nicht.

Die Vergangenheit war unwichtig und vergessen.

Zu Hause…

Kapitel 6

Sehr geehrte Cornelia Funke, liebe Leser(innen), ich hatte eigentlich vorgehabt, eine Fortsetzung zu meiner Kurzgeschichte Goyl (die streng genommen keine Kurzgeschichte ist, weil nicht mal eine echte Handlung dabei ist) zu schreiben. Mir ist aber lange nichts eingefallen, das ich schreiben könnte, deswegen wird dieser Teil höchstwahrscheinlich kürzer als der vorherige.

Ich weiß, dass er nicht sonderlich spannend ist, das werde ich vielleicht im nächsten Teil nachholen. Auch danke an Lucy, die mir in den Kommentaren mitgeteilt hat, dass Cornelia Funke an einen vierten Band von Reckless schreibt. Einerseits fände ich einen vierten Teil echt toll, andererseits ist dummerweise auf meinen Versuch, einen Teil 4 zu schreiben, schon ein halbes Notizbuch draufgegangen. Naja, egal. Ich würde mich freuen, wenn ihr mir in den Kommentaren Verbesserungsvorschläge oder Vorschläge für eine Fortsetzung geben würdet.

Liebe Grüße und viel Spaß beim Lesen, Allison

 
Amira saß auf ihrem Bett und dachte nach. 
Sieben Tage waren vergangen, seit Eric gegangen war. 
Sie vermisste ihn. 
Ihre Eltern sprachen nicht mehr von ihm. Vergessen hatten sie ihn nicht, doch sie versuchten es. 
Vergiss mich. Ich werde dich auch vergessen. 
Wo er jetzt wohl war? 
War er schon voll und ganz aus Stein?
Amira erinnerte sich an längst vergangene und vergessene Zeiten. Sie als kleines Kind, versteckte sich auf einem Baum. Eric hatte sie damals nicht gefunden. 
Sie hatte ihn immer gefunden. 
Würde sie ihn dieses Mal auch finden?
Denn sie hatte einen Entschluss gefasst: sie würde ihn suchen. Und alle, die daran schuld waren, dass er jetzt ein Goyl war, sollten bezahlen.
Und dann? 
Amira wusste es nicht. 
Sollte sie zur dunklen Fee gehen und sie fragen, ob sie ihren Bruder freilassen konnte? 
Was sollte sie sagen?
„Hallo, ich bin Amira. Gibst du mir meinen Bruder zurück?“ 
Amira schnaubte.
Nein.
Und wenn er nicht zurück will, Amira? Was dann?
Ja, was dann?
Sie würde sich ihren Bruder zurückholen.
Ihren Bruder.
Du hast keinen Bruder mehr, Amira.
Sie würde ihn finden.
Sie hatte ihn immer gefunden.
Und dann... 
Dann würde sie sehen. 
 

Kapitel 7

 
Eric wich aus. 
Das Schwert zischte über seinen Kopf hinweg.
Eric rappelte sich hoch und holte mit seiner eigenen Waffe aus.
Hentzau duckte sich. 
Eric schlug zu. 
Das Schwert prallte an der Klinge von Hentzaus Schwert ab, die er gerade noch zwischen sich und Eric gebracht hatte. 
Hentzau stand auf. 
„Das war... ein Fortschritt“, keuchte er. „Wir brechen das Training für heute ab. Du darfst gehen.“ 
 
Eric wurde von Hentzau selbst im Kampf unterrichtet, da die anderen Kampftrainer in Albion an einer Grenze stationiert waren.
Eric brannte darauf, endlich in einen echten Kampf zu ziehen. 
Im Training hatte er Hentzau immer geschlagen. 
Erics Füße trugen ihn zu seinem Zelt. 
Er aß dort mit ein paar anderen Goyl zu Mittag, wie er es immer tat, seit...
Seit wann? 
Er konnte sich nicht erinnern, jemals an einem anderen Ort gewesen zu sein als hier, im momentanen Lager der Goyl.
Blitzartig tauchte in seinem Gedächtnis ein Gesicht auf, ein Mädchen mit dunklen, wilden Locken und braunen Augen. Ein Name schwebte über dem Bild.
Amira.
Während Eric noch überlegte, wer das war und woher diese Erinnerung stammte, verschwand diese auch schon wieder.
Eric wandte sich wieder seinem spärlichen Mittagessen zu. 
Wenn es so schnell wieder verschwunden war, konnte es nicht wichtig sein.
Eric konnte sich nicht erinnern, dieses Gesicht jemals zuvor gesehen zu haben. 
Er schüttelte den Kopf und seine Gedanken an das Mädchen verflogen. 
Unwichtig.
 

Kapitel 8

 
Amira schlich sich sehr früh aus dem Haus.
Die Riemen ihres schweren Rucksackes drückten in ihre Schultern.
Sie eilte durch den verschlafenen Ort und fragte einen älteren Mann am Brunnen nach dem jetzigen Lager der Goyl.
„Terpevas“, meinte dieser und grinste sie zahnlos an.
Amira ging an ihm vorbei und betrat durch eine Seitengasse einen ihrer zahlreichen Schleichwege, die auch durch den Wald führten.
Wenn sie sich daran hielt, würde sie morgen Mittag in Terpevas sein. 
Wenn sie nicht aufgehalten würde.
Schweren Herzens machte sie sich auf den Weg.
 
Bald schon umgaben sie der Schatten und die Ruhe des Waldes.
Licht fiel durch das Blätterdach und besprenkelte den Boden vor ihr. 
Dann und wann raschelte etwas im Gebüsch und ein paar Vögel zwitscherten, ansonsten war alles ruhig. 
Verdächtig ruhig. 
Amira war diese Stille nicht geheuer.
Schnellen Schrittes lief sie weiter, immer den Pfad entlang. 
Einmal dachte sie, in einem Busch Augen zu entdecken, die ihr folgten. Als sie nochmals hinsah, waren sie weg.
Sie kam zu einer Lichtung und eilte schnell weiter.
Etwas huschte im Unterholz hinter ihr herum.
Amira legte einen Zahn zu. 
Schon sah sie vor sich das andere Ende der Lichtung aufragen, da sprang etwas aus dem Gebüsch und packte sie.
Amira schrie, doch was immer sie gepackt hatte hielt ihr den Mund zu, mit einer starken, dreckigen Hand. Sie riss sich los und rannte.
Im Rennen blickte sie sich um.
Hinter ihr stand ein Wesen, groß, mit starken Schultern und rot glühenden Augen. 
Es schien komplett aus Vulkangestein zu bestehen.
Ein Goyl war es nicht, denn Goyl waren aus Edelsteinen.
Dann musste es etwas anderes sein.
Doch Amira wollte nicht wissen, was es war.
Sie wollte nur weg davon. 
Sie rannte weiter.
Das Geschöpf grunzte und hechtete ihr nach.
Es war schneller als Amira.
Sie spürte schon den heißen Atem im Nacken.
Er schien direkt aus der Hölle zu kommen. 
Amira gab noch einmal Gas, aber wusste, dass sie schon verloren hatte.
Da hörte sie einen Horn blasen.
Sie sah über die Schulter nach hinten.
Das, das sie verfolgte, war zurückgefallen und etwas war zwischen ihnen. Amira konnte es nicht erkennen.
Sie lief weiter.
Jemand brüllte auf.
Dann war es wieder still.
Nur die Vögel zwitscherten, als wäre nichts gewesen.
Amira blieb stehen und drehte sich um.
Vor ihr stand ein Junge, ungefähr in ihrem Alter.
Er trug seine langen, rotbraunen Haare zu einem Zopf, in der Hand das Horn, welches Amira gehört hatte.
In der anderen Hand trug er einen Dolch.
Er hatte eine Lederweste, knielange Hosen und hohe Stiefel an.
Hinter ihm lag das Wesen, das Amira verfolgt hatte.
Der Junge gab ihr die Hand.
„Seid gegrüßt“, sagte er und neigte den Kopf. „Sabald, zu Ihren Diensten. Wie lautet Ihr Name?“ 
„Amira“, stammelte sie. 
„Nun gut, Amira“, meinte Sabald. „Wohin wollen Sie? Ich fühle mich verpflichtet, Sie zu begleiten. Ein Mädchen alleine im Wald! Keine gute Idee.“ 
Amira war zu erschöpft noch etwas zu sagen.
Und so begleitete Sabald sie.

2 Kommentare

Lucy am 16. Juni 2019

Mir hat deine Geschichte sehr gut gefallen. Aber was du wissen musst... Cornelia Funke schreibt einen vierten Band zu Reckless. Er soll nächstes Jahr rauskommen. Ich habe mich auch echt gefreut, als ich das erfahren habe. Aber zurück zu deiner Geschichte. Sie ist echt gut. Ich weiß nicht, ob eine Fortsetzung angebracht wäre, weil das offene Ende eigentlich auch gut war. Interessieren würde mich eine Fortsetzung aber schon... LG Lucy

Katie am 14. Juni 2019

Sehr schöne und spannende Geschichte. Du hast echt Talent!!! Ich würde mich sehr auf eine Fortsetzung freuen. Gib nicht auf und glaub an dich!