X

Luise

Ich finde dich

Diese Geschichte drucken

An diesem Tag war es nass, trüb und windig. Draußen gab es ein gewaltiges Unwetter, es regnete nur so in Strömen und es donnerte über der ganzen Stadt. Ich hatte etwas Angst und verkroch mich unter meiner warmen Bettdecke. Es kam alles in mir hoch.
Ich fing an zu weinen, und zwar in Strömen, so wie es der Regen draußen tat. Der Grund, warum ich weinte? Meine Oma hatte heute Geburtstag und ich dachte an den Tag zurück, als noch alles gut war. Als meine Mutter Alma, meine Großmutter Malou und ich noch in meiner Heimat, Südafrika, genauer gesagt Kapstadt lebten und hoch oben auf dem Tafelberg den Sonnenuntergang beobachteten und eine wunderschöne Zeit hatten. Doch dann kam alles anders. Meine Mutter und meine Oma hatten einen fürchterlichen Streit. Meine Mutter sagte mir immer nur:,,Sie hat mich nicht so sehr geliebt wie meine Schwester.“ Das Verhältnis von meiner Mutter zu meiner Tante war besser, da meine Mutter immer nur sagte: "Sie kann ja schließlich nichts dafür.“
Ich versuchte es immer zu verstehen, aber es war schwer, denn ich hatte meine Oma seit 10 Jahren nicht mehr gesehen und bis jetzt gab es auch keine Hoffnung auf eine Versöhnung.

Ich war völlig in Gedanken versunken, als meine Mutter in mein Zimmer platzte. Ich steckte meinen Kopf aus der Bettdecke und wischte mir schnell die Tränen ab. Alma schien nicht zu erwartet zu haben, dass ich so traurig und alleine in meinem Zimmer war. Das sah ich an ihrem erschrockenen und besorgten Gesichtsausdruck. Sie fand ihre Stimme wieder und ging langsam auf mich zu und setzte sich auf die Bettkante.
,,Komm schon, mein Schätzchen, was ist denn los?“
,,Nichts.“, antwortete ich kühl, aber es war schwer, überhaupt etwas zu sagen, da ich so einen Kloß im Hals hatte, dass ich schon wieder anfangen musste zu weinen. Da zog meine Mama die Bettdecke weg und warf sie auf den Boden. Sie wusste immer, wenn es mir nicht gutging. Ich schaute sie an wie ein begossener Pudel, aber dann fiel ich ihr schon in die Arme.
,,Ach Mama.“, schniefte ich. ,,Heute ist doch Omas Geburtstag und wir können nicht bei ihr sein!“ Ich merkte aus irgendeinem Grund, dass meine Mutter angespannt wurde und mich von ihr wegdrückte, um mir ins Gesicht zu schauen. Ich sah sie traurig an, aber das brachte nichts.
,,Zoé, du weißt genau, warum ich kein Wort mehr mit deiner Großmutter wechseln möchte. Sie hat mich hängen lassen und mich vernachlässigt. Ich will nicht, dass sie das auch bei dir macht.“
,,Aber, Ma, gibt es nicht irgendeine Möglichkeit, dass wir-“
Da unterbrach mich meine Mutter schon mit einem strikten: ,,Nein!“
Ich konnte mich nicht gegen diese Antwort wehren und musste sie akzeptieren. Als kleine
Entschuldigung gab mir meine Mama einen Kuss auf die Stirn und lächelte mich an. Aber mich konnte kein Lächeln der Welt zu meiner Oma zurückbringen.

Also schmiedete ich einen Plan. Ich wollte zu meiner Oma fliegen, nach Kapstadt. Es war sicherlich etwas schwer nach Kapstadt zu fliegen, da ich vor ungefähr 10 Jahren mit meiner Mama nach Österreich ausgewandert bin. Dafür gab es viele Gründe, aber trotzdem würde ich für meine geliebte Großmutter alles tun, was in meiner Macht stünde, nur um meine Oma nach einem ganzen Jahrzehnt wenigstens einmal zu sehen. Und außerdem war ich schon 15 Jahre alt. Deshalb würde ich das bestimmt hinbekommen und glücklicherweise arbeitete mein Cousin Jamal am Flughafen und er würde mir sicherlich ein Ticket und eine Unterkunft verschaffen. Es lief so genau nach Plan und dann war es soweit. Ein paar Tage nach meinen ersten Planungen ging es los. Meiner Mutter erzählte ich, dass ich bei einer Freundin übernachten würde. Sie runzelte die Stirn, da mein Koffer äußerst riesig war. Ich sagte schnell: ,,Süßigkeiten Ma, du weißt schon.“ Mit einem zuckersüßen Lächeln von mir gab meine Mutter nach und drückte mich. Sie winkte mir zu und ich verließ das Haus.
Ich nahm mir ein Taxi, welches ich um die Ecke bestellt hatte und dann fuhr ich zum Flughafen. Hier traf ich meinen Cousin Jamal, der mir bei allem half. Ich wartete an meinem Gate und stieg in mein Flugzeug. Ich war sehr aufgeregt, aber ich hatte große Vorfreude darauf, meine Oma zu sehen. Die Zeit verging wie im Flug und ich kam an. In Kapstadt. Es fühlte sich großartig an. Ich erledigte noch alle Dinge am Flughafen, fuhr zu einem kleinem Hotel und fiel auf das Bett. Ich hatte keine Angst hier alleine, da Kapstadt meine Heimat war und meine Muttersprachen Afrikaans und Englisch waren. Leider lebte niemand außer meiner Oma mehr in Kapstadt, sodass ich bei ihnen wohnen konnte, aber so war es auch in Ordnung.

Es war schon relativ spät am Abend, weshalb ich mir nur noch von dem kleinen Laden gegenüber etwas zu essen holte und dann schaute ich gemütlich einen Film auf meinem Laptop. Ich fragte mich, was meine Mutter gerade machen würde. Vielleicht schaute sie auch einen Film oder sie dachte an mich. In diesem Moment piepte mein Handy. Eine Nachricht von meiner Mutter. Sie fragte, was wir, also eigentlich meine Freundin und ich, gerade machen würden und wann ich nach Hause kommen würde. Ich schrieb, dass wir einen netten Film schauten und ich wüsste noch nicht, wann ich nach Hause kommen würde, sie sich aber keine Sorgen machen solle. Es war nicht ganz die Wahrheit, aber immerhin auch keine dreiste Lüge. Wenig später fielen mir die Augen schon zu.
Am nächsten Tag machte ich mich sehr früh morgens auf den Weg, rein in die Innenstadt von Kapstadt. Es war laut und bunt und fröhlich. So wie ich es in Erinnerung hatte. An jeglichen Shops und Cafés zückte ich ein kleines Fotoalbum und zeigte die Bilder meiner Oma und fragte, ob jemand sie kennen würde. Doch ich bekam immer nur Kopfschütteln. Ich verbrachte Stunden damit. Ich klingelte selbst an Wohnungen und Familienhäusern und Hotels, doch nichts. Keiner kannte meine Großmutter. Ich muss gestehen, das Bild war schon äußerst alt und verblichen, aber ich habe es wenigstens versucht. Ich hatte schon fast aufgegeben, aber ich konnte nicht. Ich wusste, dass meine Oma noch hier leben würde. Deshalb lief ich weiter durch die Stadt, Stunden um Stunden, bis ich schon fast aus Kapstadt draußen war. Es wurde leiser und ländlicher. Ich wusste nicht, wo ich war oder was ich machen sollte, aber meine Füße trugen mich weiter bis auf einen kleinen Hügel. Dann sah ich eine verlassen aussehende Hütte. Sie war umrankt von Gestrüpp und einer
großer Baum wehte über der Hütte. Sie war sehr klein und unscheinbar. Die Fensterläden klapperten an die steinige Hauswand, aus der schon ein paar Backsteine herausragten oder auf dem Boden lagen. Die Fenster waren milchig und etwas rissig. Das windschiefe Dach schien schon viele Jahre durchgemacht zu haben. Mir war es etwas unwohl bei dem Gedanken, dass ich hier alleine umhergeisterte ohne eine Menschenseele in Sicht, doch ich tat es.

Aus irgendeinem Grund zog mich dieses Haus an, ich wusste aber nicht warum. Ich lief auf die Hütte zu und machte vor der morschen Tür eine kurze Pause und atmete tief ein und pustete die ganze Luft wieder heraus. Als ich die Tür gerade öffnen wollte, klingelte mein Handy. Ich erschrak fast zu Tode, aber auf dem Display stand nur ,,Mama“. Mit zittrigen Fingern nahm ich mein Handy aus meiner Tasche und nahm ab. ,,Ja?“, fragte ich etwas unsicher. Von meiner Mutter bekam ich eine ordentliche Standpauke zu hören, wo ich denn sei und warum ich ihr nicht geschrieben hätte. Ich sagte: ,,Mama, es tut mir ganz
schrecklich Leid, aber ich musste es einfach tun. Ich hatte keine andere Wahl. Mir geht es gut. Ich tue dass, wovon ich schon lange geträumt habe.“ Dann drückte ich sie weg, ohne auf eine Antwort zu warten, öffnete die Tür, die dabei mächtig quietschte und dann trat ich ein. Ich sah mich um. Es war dunkel und etwas kalt und die Spinnweben hingen in den Ecken der Wände. Ich ekelte mich.
Plötzlich hörte ich ein Husten und ein Räuspern. Mein Herz klopfte schneller. Ich sagte erstmal nichts und blieb stehen. Dann sagte eine raue Stimmer: ,,Wer ist da? Er soll sich zeigen!“ Ich hatte Angst. Unendliche Angst. Ich versuchte, langsam und gleichmäßig zu atmen und mich zu beruhigen. Dann überlegte ich kurz und sagte mit fester Stimme: ,,Ich, ich bin hier.“, und dann ging ich in das Nebenzimmer, woher die Stimme zu sein schien. Auf einem braunen Ledersessel saß jemand und knipste ein Licht an. Es war eine alte Frau, die mich von oben bis unter musterte. Ich schluckte. War es...war das etwa meine Oma? Ich nahm das alte Foto in die Hand und hielt es hoch, dann sah ich die Frau an. Der schwarze Afro und die hellbraunen Augen erkannte ich wieder. Ich ließ das Bild und meine Tasche fallen. Tränen schossen mir in die Augen. ,,Malou?“, fragte ich leise. Die alte Frau nickte und fragte mich: ,,Zoé? Bist du es?“ Ich nickte. Dann rannte ich auf sie zu und umarmte sie. Meine Oma musste weinen, so wie ich. Wir hatten uns seit 10 Jahren nicht mehr gesehen, doch wir hatten uns wieder gefunden. Das war mit Abstand der schönste Tag in meinem
Leben. Doch nun war es Zeit für ein paar Erklärungen.
,,Oma, warum wohnst du hier? In dieser kaputten, verlassenen Hütte? Ganz allein? Wieso kennt dich niemand?“-
,,Warte, warte Zoé. Das ist eine lange Geschichte, die ich dir aber jetzt ersparen
möchte, denn du bist doch jetzt hier! Ach...Wo ist denn eigentlich deine Mutter?“
Mir wurde heiß. Auf diese Frage hatte ich mich nicht vorbereitet.
,,Äh... Meine Mutter? Sie... also… sie ist womöglich noch in Österreich oder sie hat herausgefunden, dass ich in Kapstadt bin.“
Meine Oma lachte. Mit dieser Reaktion hatte ich nicht gerechnet, aber ich lachte auch und gab ihr einen Kuss. Mit meiner Vermutung, dass meine Mutter mich finden würde, lag ich goldrichtig. Zu diesem Zeitpunkt befand sie sich gerade an dem Kapstädter Flughafen und rannte wie eine Irre umher. Sie drehte komplett durch, was ich ein bisschen verstand, aber schließlich ging es mir gut, deshalb müsste sie sich keine Sorgen machen. Ich ahnte nicht, dass mein Cousin meiner Mutter Tipps gegeben hatte, wo sie mich finden würde, aber das war schon okay. Ich wusste, dass meine Mutter schrecklich wütend, aber dennoch besorgt war. Nach einer guten Stunde war ich immer noch bei meiner Großmutter. Wir schauten uns alte Bilder aus den vielen verstaubten Alben an, lachten und erzählten uns Geschichten. Es war wunderschön mit grandma. Als wir ruhig daher blätterten, polterte es an der Tür. Jemand schrie: ,,Hallo? Ist da wer?“

Mir stockte der Atem. Dann krachte es. Ich denke, es war die ohnehin schon morsche Tür. ,,Zoé, Zoé bist du hier?“, ihre Stimme klang zittrig und aufgewühlt. ,,Liebling, wo...wo bist d-“, Dann erblickte meine Mutter mich und ich rannte ihr in die Arme. Ich musste weinen und
schniefte vor mir hin:,,Oh, Mama, es tut mir ja so leid, aber ich konnte nicht anders. Ich musste hier hin. Ich wollte nur zu Großmutter. Bitte, Mama.“, Meine Mutter reagierte anders, als ich es erwartet hatte. Sie gab mir einen dicken Kuss auf die Stirn und sagte: ,,Jetzt hab ich dich wieder, mein Schatz.“
Ich zog meine Mundwinkel nach oben. Dann blickte Alma nach oben und sah meine Oma,
das erste mal seit 10 Jahren. Sie ließ ihre Handtasche fallen und Tränen kullerten ihr die Wangen runter.
,,Mutter?“, sagte Mama leise und ging langsam auf sie zu.
,,Hallo, meine Alma.“,sagte meine
Oma und versuchte aufzustehen, aber es ging nicht. Schnell eilte meine Mutter ihr zu Hilfe und umarmte sie.
,,Alma, mein Kind. Ich hoffe, du kannst mir verzeihen, nach alle dem, was ich dir angetan habe. Alma, bitte.“, flüsterte grandma.
Ich umarmte meine Familie und dann hörte ich meine Mutter leise sagen.
,,Mama, ich verzeihe dir. Wir werden dich nicht alleine lassen, wenn du es auch nicht tust.“ ,,Ich verspreche es.“, sagte meine Oma und ich drückte Oma und Mama noch stärker.

Die nächsten Tage waren wunderbar. Wir lachten, wir machten Fotos und Videos und meine Oma erzählte uns von ihrer Lebensgeschichte. Aber das Wichtigste von allem war, dass wir gelernt hatten wertzuschätzen, wie wichtig es war , eine glückliche Familie zu haben. Ich schaute so gerne meiner Oma und meiner Mutter zu, wie sie glücklich waren und zusammen lachten. Dann, eines Abends, als die Sonne schon über dem Meer stand, machten wir einen kleinen Ausflug, hoch auf den Tafelberg. Wir ließen uns auf einem tollen Aussichtspunkt nieder und kuschelten uns zusammen. Wir sahen dem Sonnenuntergang zu, wie schon einmal. Es war toll. Ich habe meine zwei wichtigsten Menschen in meinem Leben vereint und wir waren glücklich. Ich gab ihnen einen Kuss und sagte: ,,Danke, ich hab euch lieb!“ Wir umarmten uns und sahen in die Ferne. Der Ausblick von hier oben war unbezahlbar.

11 Kommentare

Luise am 16. Mai 2021

@Anahí, Danke

Luise am 16. Mai 2021

@Camilla, Ja, ich habe beide davon geschrieben Vielen Lieben Dank, es freut mich wirklich sehr, dass sie dir gefallen!!!

Anahí am 15. Mai 2021

Die Geschichte ist echt mega gut geschrieben. Dein Schreibstil, ist auch richtig gut.

Motte am 13. Mai 2021

Ja das stimmt nur wird er dann immer ein wenig anders ausgesprochen bei Zoé oder Zoë liegt die Betonung z.B. auf dem e und Zoey wird mit einem i am Ende gesprochen... LG Motte

Camilla am 13. Mai 2021

Hi, Luise, ich bin's nochmal. Hast du eigentlich auch "Ein anderes Ich" und/oder "Almara" geschrieben? Weil vor allem der Schreibstil von "Almara" erinnert mich an die Geschichte hier... vor allem "Ein anderes Ich" kann ich total verstehen... wenn du es nicht bist, ist es auch nicht schlimm, dann könntest du die beiden Geschichten/Gedichte auch mal lesen. Wenn ja: mach weiter so! Du machst das echt super! LG, Camilla

Camilla am 13. Mai 2021

Hi Camilla, ja, das kann gut sein

Camilla am 13. Mai 2021

Ich glaube, von Zoé gibt es unglaublich viele Schreibweisen, z.B. Zoë, Zoeé, Zoey, Zooey, ... LG, Camilla

Luise am 12. Mai 2021

Hallo @Motte. Erstmal Danke für deinen lieben Kommentar, das hat mich sehr gefreut. Also ich habe einfach einen Namen gesucht, der auch in Afrika bekannt ist. Und da ich auch ein paar Leute kenne, die Zoé heißen, dachte ich, ich schreibe ihn einfach so

Motte am 11. Mai 2021

Hi Luise! Ich kann Camilla nur zustimmen! Vorallem der Anfang hat mir sehr gut gefallen. Ich habe nur eine Frage und zwar, wie du auf den Namen Zoé und vorallem auf die Schreibweise gekommen bist? Die meisten schreiben ihn ja nur mit einem einfachen e... LG Motte

Luise am 11. Mai 2021

Hallo Camilla, Danke für deinen lieben Kommentar den Tipp nehme ich gerne an

Camilla am 11. Mai 2021

Die Geschichte ist sehr schön geschrieben und die Botschaft kommt gut rüber. Toll gemacht! Als kleinen Tipp würde ich dir noch mit auf den Weg geben, die Geschichte noch ein wenig detaillierter zu gestalten. Du kannst schon echt schöne Geschichten schreiben, vor allem hat mir der Spannungsbogen gefallen! Mach unbedingt weiter, LG, Camilla