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Elisa Orlowski

Kirschblütenregen

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Ich betrete den Park.

Ich kenne den Weg schon fast auswendig. Wie ein Seelenschiff ist er, mitten im Trubel der Stadt. Wie eine Insel, zwischen Straßen, Lärm, Unruhe und Problemen.
Wie ein Anker für mich, wenn das Leben an mir reißt.
Er lässt dich für einen Augenblick vergessen, wenn du meinst nicht durchatmen zu können.
Inmitten einer Millionenstadt, und doch so ruhig, dass dein Geist zur Ruhe kommt und du deinen Gedanken freien Lauf lassen kannst.
Wie sonderbar das alles klingt.
Beides, die immer pulsierende Stadt und der ruhige Park gehören zu meinem Leben, wie die Sterne zum schwarzen Nachthimmel.

Langsam gehe ich durch das riesige Eisentor, das mit filigranen Mustern verziert ist.
Es sieht aus wie ein Portal zu einer anderen Welt. Hinter mir höre ich Lärm und Gewusel von tausenden Stimmen. Doch wenn ich diesen Park betrete fühlt es sich so an als würde alles andere verschwinden, als gäbe es nur mich und meine Gedanken.
Die Geräusche verschwimmen miteinander und ergeben nun nur noch ein Gemurmel, welches ich einige Momente später komplett ausblende. Vor mir erstreckt sich eine Szenerie, die so wie sie ist aus einem Märchenbuch entsprungen sein könnte. Einige Menschen laufen hinter mir, wie ich ein paar Augenblicke davor, durch das Portal, während ich einen Moment stehen bleibe. Ich werde mich wohl nie an diesen Ort gewöhnen können. Zu schön, zu überwältigend um es zu erfassen. Ich werde es nie begreifen können, egal
wie ich es versuche, ich werde wied er an der Schönheit dieser Natur scheitern. Alle Probleme, die vorher in meinem Kopf geschrien haben verstummen nun gänzlich.

Die Welt kann warten.

Langsam beginne ich wieder zu laufen.
Vor mir erstreckt sie ein Weg, ein Pfad, der ins Paradies führt. Der Wegrand ist gesäumt von
wunderschönen, alten Kirschbäumen. Ihre Stämme sind schon alt, jedoch ist die Rinde noch so wunderbar gefurcht wie bei jungen Bäumen. Es ist Frühling, und genau aus diesem Grund, sieht der Park zurzeit noch märchenhafter aus, selbst wenn das fast unmöglich zu sein scheint. Rosarote Kirschblütenblätter, liegen überall auf dem Weg, machen ihn zu einem sanften Polster, lassen mich schweben. Auch die Bäume tragen noch ihren seidenen, zartrosa Mantel, welcher sie bedeckt. Kein Hauch von Wind streift mein Haar, und trotzdem fallen die Blüten wie Regen auf mich hinab. Doch es ist der schönste Regen, den ich je erleben möchte. Eines der zarten Blätter landet in meinem Haar. Vorsichtig, um es nicht zu beschädigen, ziehe ich es heraus und betrachte es. So zart, so verletzlich, wie die Seele eines jedes Menschen, so frei wie die Schwingen eines Adlers und doch so wehmütig wie der Abschied von deinen Liebsten.

So viele Emotionen, vereint in nur einem kleinen Stück Natur.

Abgelenkt durch die magische Ausstrahlung des kleinen Teiles Natur welches ich auf meiner Hand trage, bemerke ich erst jetzt das ich angekommen bin.
An dem Ort an welchem ich vergesse, an dem Ort an dem ich Ich selbst sein kann. Ich hebe den Kopf, weg vom kleinen Blütenblatt, hin zu dem See.

Wie in einer Blase komme ich mir vor, von weit her höre ich ein Kinderlachen, nur gedämpft dringt es zu mir durch. Der See vor welchem ich stehe, ist wie mein zweites zu Hause. Ich kenne ihn zu jeder Zeit, bei jedem Wetter. Doch zur Zeit, ja, zur Zeit ist er am schönsten. Die zarten, leuchtenden Blüten, bedecken den See, sodass man das Wasser nicht mehr erahnen kann. Dicht an dicht, drängen sie sich. Keine Welle ist zu sehen. Nichts bewegt sich.

Die Zeit steht.

Vögel zwitschern leise und der Blütenregen beginnt von Neuem.
Sanft schaukeln die Blüten nach unten auf das Gras. Ich schaue ein weiteres Mal auf das Blatt in meiner Hand. Als wäre es so wertvoll und zerbrechlich, wie edles Glas, trage ich es zum Wasser. Ich lege das Blatt zu den tausenden anderen, auf dem See. Ich verharre einige Momente in meiner Hocke, bevor ich mich wieder aufrichte, um mich einige Schritte vom Wasser zu entfernen. Ich schließe meine Augen.

Die Welt kann warten...

Dieser Satz wiederholte sich wieder und wieder in meinem Kopf. Ich begann mich langsam im Kreis zu drehen, ganz langsam, ohne Hektik und ohne Hast.

Die Welt kann warten...

Ich breitete meine Arme aus, und öffnete meine Augen.
Ich schaute direkt in den Himmel, den glasklaren Himmel, von welchem die zerbrechlichen Seelen fielen. Und in diesem Moment, ja, in diesem märchenhaften Moment, trat die Sonne durch die Wolken und tauchte den See in ein warmes Licht. Und so warm wie die Sonne dieses Naturwunder wärmte, genauso erwärmte sie mein Herz. Sanft setzte ich mich nieder, auf die Wiese vor dem See, meinen Blick stets auf ihn gerichtet. Ich erinnerte mich an Termine und Probleme, welche mir meinen Schlaf und meine Zeit raubten. Jedoch meinte ich zu mir selbst...

Die Welt kann warten, hier im Kirschblütenregen, dem einzigen Regen, den ich jemals zu lieben lernte.

Elisa Orlowski, 2.02.2019

Kommentar

Riccarda am 14. April 2020

Liebe Elisa, dies ist eine wundervolle Geschichte. Ich konnte mir alles genau vorstellen, und es war eine wundervolle Vorstellung. Schreibe bitte weiter! Das kannst du nämlich wirklich fabelhaft.