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Madita Remmers

Krystaliens Legenden - Der Große Vulkan - Leseprobe

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Ines rannte über die Straße. Ihre hüftlangen, lockigen roten Haare flatterten im Wind. Sie lief zu einem alten Haus und klingelte.

Eine Frau öffnete. „Ines Schattenglöckchen, wo hast du gesteckt? Lina ist mit acht Jahren pünktlicher als du mit zwölf Jahren. Du solltest dir von ihr eine Scheibe abschneiden!“

Ines war empört. „Immer ist es so! Lina hier, Lina da! Lass mich jetzt in Ruhe!“

Sie rannte die Treppe hinauf zu ihrem Zimmer. Wut blitzte in ihren grünen Augen auf. Traurig setzte sie sich auf ihr Bett, schmiss den Kopf in ihr Kissen und weinte.

„Immer ist es so“, dachte sie. „Immer wird Lina bevorzugt, und ich bin die Große und Doofe. Und immer ist sie die süße Kleine, wird gelobt, und für mich bleibt nur Schimpfe über. Aber mir ist das jetzt egal, ich gehe in mein Geheimversteck auf dem Dachboden.“

Nach einer Weile stand Ines auf, schloss die Tür ab und ging zum Fenster. Nachdem sie sich umgeschaut hatte, öffnete sie das Fenster und kletterte eine Strickleiter hoch. Diese baumelte aus dem Dachboden-Fenster an der Rückseite des alten Hauses, kaum erkennbar zwischen Efeu-Ranken. Der Dachboden war ansonsten verschlossen.

Vor einigen Jahren hatte Ines sich den Schlüssel zum Dachboden gemopst, weil sie unbedingt wissen wollte, was es dort oben gab. Auf dem Dachboden fand sie es so toll, dass sie eine Strickleiter an das Fenster zwischen den Efeu gehängt hatte. Dann hatte sie den Schlüssel wieder zurückgelegt. Sie wollte nicht, dass jemand Verdacht schöpft. Seitdem war der Dachboden Ines persönlicher Rückzugsort.

Oben angekommen setzte Ines sich mürrisch auf eine Truhe vor das Bild ihres Vorfahren Eduard.

 „Wenn er doch hier wäre,“, murmelte Ines, „Er würde mich bestimmt verstehen.“

Plötzlich bemerkte sie, dass es hinter dem Bild rot leuchtete.

Ines stand auf um nachzusehen. Sie schob das Gemälde beiseite. 

 „Was ist das?“, rief sie erstaunt.

 Hinter dem Gemälde befand sich ein großes Loch, in der sich verschiedene Dinge befanden. Sie holte einen hellgrünen Mantel heraus.

 „Passt wie angegossen“, stellte Ines fest. „Und da sind ein weißer Bogen und ein Köcher.“

Sie hatte einen zusammen steckbaren Bogen und den dazugehörigen Köcher aus dem Loch geholt.

 „Hier in dem Umhang ist ja ein Geheimversteck mit einer Karte“, sagte sie.

Sie faltete die Karte auf. Nur ein Ort war beschriftet und er leuchtete rot:

Der Große Vulkan

 „Das klingt ja seltsam. Hier in der Gegend gibt es keinen Ort mit solch einem Namen“, murmelte Ines.

Sie schaute noch einmal in das Loch und bemerkte, dass dort noch ein Armband mit einem großen, rot leuchtenden Kristall lag. Sie probierte das Armband an, dabei fiel ihr Blick auf die Spitze des Bogens.

 „Merkwürdig, dort ist ja eine Höhlung, in die der Kristall von dem Armband genau hineinpassen könnte“, überlegte Ines. „Mal ausprobieren.“

Sie führte den Kristall an den Bogen heran, zögerte kurz und drückte den Kristall in die Höhlung. Es machte ´klick´.

 „Was war das?!“, rief sie erschrocken.

Plötzlich kam Wind auf und wirbelte um sie herum. Ines verblasste langsam. Darüber geschockt, verlor sie das Bewusstsein. Nachdem der Wind sich gelegt hatte, war sie verschwunden.

 

Ines schlug die Augen auf.

 „Wo bin ich?“, murmelte sie.

Sie befand sich in einem großen, weißen Himmelbett in einem prunkvollen Raum. Ines trug statt ihrer gewöhnlichen Klamotten plötzlich mittelalterliche Kleidung.

Nachdem sie sich umgeschaut hatte, bemerkte sie, dass der Umhang und der Bogen samt Köcher sich an einem Haken an der Tür befanden. Das Armband trug sie noch immer, aber der Kristall war kleiner geworden.

 „In der Bogenhöhlung steckt ja eine äußere Hülle des Kristalls“, sagte Ines verblüfft. „Vielleicht komme ich ja weg, wenn ich den Kristall wieder vervollständige?“

 Sie zog schnell den Umhang über und wollte den Kristall vor den Bogen halten.

 „Nein! Stopp!“, rief plötzlich eine Jungenstimme.

Ines fuhr herum. In der Tür stand ein etwa dreizehnjähriger Junge mit schwarzen, kinnlangen Haaren und blauen Augen.

 „Wer bist du denn?“, fragte Ines überrascht.

 „Ich bin Prinz Leo, vom Stamm der Schwertkrieger, der erste in der Thronfolge von Krystalien. Und wer bist du?“, antwortete der Junge.

 „Ich bin Ines, und wo liegt bitteschön Krystalien?“, sagte Ines.

 „Stimmt es, dass du die letzte Weltenwanderin bist?“, erwiderte Leo mit einer Gegenfrage.

„Eine was?“, fragte Ines.

„Oh, oh“, murmelte Leo, „ich glaube, ich muss dir einiges erklären.“

 Er holte ein altes, zusammengeschnürtes Blatt Pergament aus einer Tasche und reichte es Ines. „Lies das bitte.“, sagte er.

Ines faltete das Pergament auseinander:

 

Die Geschichte Krystaliens

Die Erde besteht nicht, wie viele Erdbewohner von oben glauben, aus einem Kern mit vielen verschiedenen Schichten, sondern es gibt eine Schicht, auf der die Leute von oben leben, und eine weitere, im Inneren der ersten Erdschicht. Dort leben die Krystalianer. Es gibt viele Stämme, aber sie aufzulisten, würde einige Bände benötigen. Es gibt aber etwas, was alle miteinander verbindet. Jeder der Stämme hat eine eigene Magie.

Diese Magie muss man immer hegen und pflegen. Wenn man sie eine Weile nicht benutzt hat, verschwindet sie. Man kann sie auch verbessern, wenn man übt. Dies kam immer schon den meisten Stämmen zu Gute.

Einer der beiden angesehensten Stämme ist der Stamm der Schwertkämpfer, die sehr gut im Umgang mit dem Schwert sind und welche gut für Gerechtigkeit sorgen können. Außerdem besitzen sie eine angeborene Autorität. Dieser Stamm ist die Königsfamilie. Ihr Haar ist stets pechschwarz und ihre Augen blau.

Der zweite Stamm ist der der Weltenwanderer. Ihre Fähigkeiten im Bogenschießen übertreffen jeden anderen Stamm. Nur die Weltenwanderer besitzen die Gabe, die Welten wechseln zu können. Das Haar der Weltenwanderer ist feuerrot und ihre Augen smaragdgrün.

Früher herrschte Eintracht unter den Menschen und den Krystalianern. Die Weltenwanderer waren die Boten zwischen den Welten. Sie beförderten auch Menschen und Krystalianer, damit sich die Leute besuchen konnten. Die Menschen konnten, solange sie wollten, in Krystalien bleiben, denn ein Tag in Krystalien waren ungefähr fünf Minuten in der oberen Welt. Wenn sie zurückkehrten, lief die Zeit in beiden Welten wieder normal. Mit der Zeit aber fürchteten sich die Menschen vor der Magie der Krystalianer. Das führte dazu, dass die Weltenwanderer an Magie verloren, und schließlich nur noch der Anführer der Weltenwanderer mit dem magischen Kristall–Armband durch die Welten reisen konnte. Man nannte seinen Stamm aber trotzdem weiter den Stamm der Weltenwanderer, denn der Anführer konnte anderen ihre Macht zurückgeben. Sie konnten danach wieder allein reisen.

Die Königskrone Krystaliens war aus purem Gold. Insgesamt acht Edelsteine waren dort eingefasst. Der größte und schönste von ihnen war ein Diamant, den man nie ablösen konnte.

Die anderen Steine waren wie die Regenbogenfarben:

rot, orange, gelb, grün, hellblau, dunkelblau und lila. Wenn einer von ihnen fehlte, wurde die Macht Krystaliens spürbar weniger.

Vor langer Zeit gab es zwei Zwillingsbrüder vom Stamm der Schwertkämpfer. Einer von den beiden hieß Mamur, und er verkehrte mit den Kräften des Bösen. Der gute Bruder – Leon mit Namen – sollte der neue König werden. Mamur fand das nicht in Ordnung und überredete seinen Bruder, ihm die Hälfte des Reiches zu schenken. Leon glaubte, dass Mamur ebenfalls gut sei, und schenkte ihm die Hälfte Krystaliens. Mamur stahl, bevor er Leons Teil von Krystalien verließ, die sieben Regenbogensteine aus der Krone und versteckte sie in ganz Krystalien. Mamur schaffte sich auf der anderen Seite Krystaliens, welche nun ihm gehörte, ein dunkles Reich, in dem die Krystalianer unterdrückt wurden und grausame Taten ausführen mussten. Es wurde nach dem grausamen König Mamura genannt. Seine Nachfahren hießen alle Mamuren (?).

Einige Generationen später wollte General Eduard, Anführer vom Stamm der Weltenwanderer, sich auf die Suche nach den sieben Kristallen machen. Er hatte extra dafür eine Karte angefertigt, die ihm helfen sollte. Als er aufbrach, ruhte viel Hoffnung auf seinen Schultern, aber er kam nie zurück. Auch die Zeichen des Anführers kehrten nie zurück: der Umhang, der die Macht hat, jemanden zu tarnen, der Bogen als Hilfsmittel, um durch die Welten zu reisen, der Köcher, der immer mit zwei Dutzend Pfeilen gefüllt ist, die Karte und das Armband des Anführers der Weltenwanderer, ohne welches niemand mehr wandern konnte. Weil es nun niemanden mehr gab, der den Weltenwanderern ihre Magie zurückgeben konnte, starben sie langsam aus.

Das Einzige, was von General Eduard geblieben war, war eine Prophezeiung:

Wenn alles nur noch hoffnungslos scheint,

Werdet ihr sie erkennen an den Zeichen,

Bald wird kommen die Weltenwanderin,

Und mit dem Prinz Krystalien retten.

 

Ines faltete das Papier zusammen und gab es Leo zurück.

„Und das soll ich dir glauben?“, fragte sie empört.

„Es ist die reine Wahrheit. Ich habe auch einen Beweis“, erwiderte Leo. „Hattest du schon mal einen Bogen in der Hand? “

„Nein. Wieso?“, fragte Ines.

„Weltenwanderer sind doch unübertrefflich im Bogenschießen“, erklärte Leo. „Wenn du wirklich eine Weltenwanderin bist, müsstest du beim ersten Schuss ins Ziel treffen. Würdest du mir dann glauben?“

„Vielleicht“, sagte Ines, „aber erst will ich deinen Beweis sehen.“

„Nimm deinen Bogen mit“, sagte Leo.

Er drehte sich um. Ines schnappte sich ihren Bogen und den Köcher und eilte hinter Leo her nach draußen. Er führte sie zu einem Bogenschießplatz.

„Bitte sehr“, sagte Leo, „hier kannst du es ausprobieren. Du musst es aber auch wollen.“

Ines zog einen Pfeil aus dem Köcher und zielte auf ein näheres Ziel.

„Siehst du?“, sagte Leo triumphierend.

Der Pfeil steckte in der Mitte der Zielscheibe und zitterte noch ein wenig.

„Das war Zufall“, behauptete Ines.

„Schieß am besten auf ein paar entferntere Ziele“, sagte Leo, „damit du siehst, dass ich nicht lüge. Zum Beispiel auf die da drüben.“

„Das schaffe ich nie im Leben“, sagte Ines.

„Probiere es doch wenigstens“, bat Leo.

„Okay. Ich versuche es“, meinte Ines.

Sie schoss einen Pfeil auf ein weit entferntes Ziel und traf wieder genau in die Mitte. 

„Noch einen“, sagte Leo.

Ines traf noch fünf weitere Ziele genau in die Mitte.

„Ich glaube dir“, seufzte Ines. „Also bin ich die letzte Weltenwanderin aus der Prophezeiung und du der Prinz?“

Leo nickte.

„Und jetzt?“, fragte Ines.

„Jetzt stelle ich dir erstmal meine Eltern vor“, sagte Leo. „Aber nicht über den Namen meines Vaters lachen!“

„Wieso?“, fragte Ines.

„Mein Vater heißt nämlich Lio und meine Mutter Lea. Das finden die meisten total witzig. Lio, Lea und Leo“, erwiderte Leo. „Komm mit!“

Ines und Leo standen vor der Tür zum Thronsaal.

 „Komm, wir gehen rein“, sagte Leo.

 „Gut“, antwortete Ines.

Sie öffneten die Tür und gingen hinein. Dort saßen ein König und eine Königin auf einem Thron.

 „Das ist Ines, die letzte Weltenwanderin“, sagte Leo zu seinen Eltern. „Und das sind König Lio und die Königin Lea. Beide vom Stamm der Schwertkämpfer“, wandte er sich an Ines.

 „Herzlich willkommen in Krystalien“, sagte König Lio. „Du bist also die letzte Weltenwanderin? “

 „Ja, ich glaube schon“, antwortete Ines zögerlich. „Jedenfalls habe ich bis vorhin noch nie mit einem Bogen geschossen, aber eben habe ich jedes Mal ins Ziel getroffen.“

 „Und sie trägt die Zeichen der Anführer!“, mischte sich Leo ein.

 „Also müsstet ihr sofort aufbrechen, um die Kristalle zu suchen und Krystalien retten, wie es in der Prophezeiung heißt“, sagte Königin Lea. „Besitzt Ines ein Pferd?“

 „Nein, ich habe kein Pferd“, sagte Ines.

 „Du darfst dir eins aus den königlichen Ställen aussuchen“, sagte König Lio. „Leo, gehst du mit Ines zu den Ställen?“

 „Okay, komm Ines!“, sagte Leo.

Die beiden eilten aus dem Raum, zuerst am Bogenschießplatz vorbei und dann zu einem Gebäude, aus dem man schon das Pferdegewieher hörte. Sie gingen hinein.

 „Das sind aber viele Pferde“, staunte Ines. „Und davon darf ich mir eins aussuchen?“

 „Natürlich“, sagte Leo.

Er stand neben einem schwarzen Pferd und streichelte es. „Schau mal, das ist Nino, mein Pferd.“

 „Du bist aber toll!“, sagte Ines. „Ich finde aber diese Fuchsstute da, neben Nino, am schönsten. Wie heißt sie denn?“

 „Du meinst Lara?“, fragte Leo. „Ja, Lara darfst du reiten. Sie gehört jetzt dir. Übrigens, jedes Pferd kann mit seinem Besitzer sprechen und umgekehrt.“

 „Leo, weißt du“, sagte Ines, „ich habe, bevor ich nach Krystalien gekommen bin, in dem Umhang eine Karte gefunden. Dort stand nur Der große Vulkan. Da leuchtete es auch rot.“

 „Du hast was?“, Leo schnappte nach Luft. „Das muss die Karte von General Eduard sein.“

 „Mein Urgroßvater hieß Eduard und er hatte rotes Haar und grüne Augen wie ich!“, rief Ines aufgeregt. „Ich bin vielleicht eine direkte Nachfahrin von ihm.“

 „Das könnte allerdings sein“, überlegte Leo. „Aber jetzt müssen wir erstmal zum großen Vulkan.“

 „Ich habe noch eine Idee“, sagte Ines. „Leg mal deine Hand da drauf und gib mir deine andere.“

Leo machte, was Ines ihm gesagt hatte und Ines legte ihre Hand ebenfalls auf das Blatt. „Und jetzt sagen wir gemeinsam: Wir müssen zum roten Vulkan. Eins, Zwei, Drei!“

Sie sagten gemeinsam das, was Ines vorgegeben hatte. Danach erschien auf der Rückseite der Karte folgende Botschaft:  

Wenn beim großen Vulkan ihr seid,

Schaut in die Mitte, das bringt Freud,

Der rote Kristall dort oben liegt,

Es Krystalien viel Freude gibt.

 „Es ist ein Rätsel“, sagte Ines aufgeregt. „Wenn wir beim großen Vulkan sind, müssen wir die Anweisungen befolgen.“

 „Komm Ines“, sagte Leo, „wir geben noch meinen Eltern Bescheid und verabschieden uns. Dann brauchen wir noch Zelte, Kochsachen und Proviant. Unser Essen können wir ja unterwegs erlegen. Du mit dem Bogen und ich mit dem Schwert.“

Ines und Leo liefen wieder zurück zum Thronsaal.

 „Ines nimmt Lara“, sagte Leo zu seinen Eltern. „Jetzt brauchen wir nur noch Proviant und Zelte.“

 „Ihr bekommt ein Doppelzelt mit einer Abtrennungswand“, sagte König Lio. „Und dazu noch etwas Besonderes.“

Er überreichte ihnen jeweils eine Kette mit einem Fläschchen, welches eine rote Masse enthielt. „Das ist Lava vom großen Vulkan. Wenn ihr die Ketten umhabt, seid ihr vor der Hitze geschützt.“

 „Danke sehr!“, sagten Ines und Leo wie aus einem Mund.

 „Morgen könnt ihr aufbrechen“, sagte Königin Lea. „Bis dahin lassen wir alles Nötige vorbereiten. Ines, du kennst doch dein Zimmer?“

 „Ja, sie kennt es“, antwortete Leo für Ines. „Ich bringe sie hin.“

 „Ist es das, wo ich aufgewacht bin?“, fragte Ines.

 „Ja“, sagte König Lio. „und ab jetzt ist es deins. Du kannst es dir gleich einrichten, wie es dir gefällt.“

Ines freute sich sehr. „Vielen Dank!“

 „Du bekommst auch noch ein paar neue Kleider. Du kannst ja nicht immer nur in denselben Klamotten rumlaufen“, sagte die Königin. „Geh jetzt auf dein Zimmer. Leo wird dich begleiten.“

Ines dankte noch ein paar Mal dem Königspaar und lief dann Leo hinterher.

 „Hier braucht man ja eine Karte, um sich nicht zu verlaufen“, sagte sie zu Leo.

Er lachte. „Nach ein paar Tagen kannst du dich hier mit geschlossenen Augen zurechtfinden. Da ist schon dein Zimmer. Meines ist übrigens gegenüber. Du kannst mich gerne besuchen. Wir müssen ja die nächsten Tage oder Wochen zusammen sein. Da kannst du dich schon mal dran gewöhnen. Wir können ja gleich draußen zusammen üben. Natürlich nur, wenn du einverstanden bist.“

 „Okay, ich komm dann gleich rüber, dann kannst du mir ja zeigen, wie gut du in der Schwertkunst bist“, sagte Ines lachend.

Sie gingen beide auf ihre jeweiligen Zimmer.

Ines ließ sich auf ihr Bett fallen. „Merkwürdig“, dachte sie. „Wir kennen uns erst ein paar Stunden, aber doch ist es, als würden wir uns schon ewig kennen. Ich fühle mich ihm näher, als jeder anderen Person.“

Es klopfte.

Ines rief: „Herein!“

Es war ein Zimmermädchen. Es hatte blondes Haar und dunkelblaue Augen. „Ich soll hier für Ines neue Kleidung bringen.“, sagte es zögerlich.

„Ich bin Ines“, sagte Ines fröhlich.

„Und wer bist du?“ „Ich bin Maya.“, antwortete das Mädchen. „Ich bin vom Stamm der Nixen.“

„Aber du hast gar keinen Fischschwanz!“, sagte Ines erstaunt.

 „Erst im Wasser wächst mir eine Flosse.“, kicherte Maya. „Sag bloß, du hast noch nie eine Nixe gesehen.“

 „Habe ich wirklich nicht“, sagte Ines.

 „Ich muss jetzt aber weiter“, sagte Maya. „Vielleicht sehen wir uns nochmal. Bis bald!“

Maya huschte zur Tür hinaus. Maya ist nett, dachte Ines. Ich mag sie. Ines räumte ihr Zimmer ein und probierte Kleider an. Danach packte sie ihre Sachen für die Reise zum großen Vulkan. Sie ging zur Tür gegenüber und klopfte an. Leo öffnete. „Ich bin bereit!“, sagte Ines. „Ich könnte sogar sofort losreiten. Zum Glück hatte ich schon Reitunterricht.“

 „Komm, wir gehen üben“, sagte Leo.

 „Okay!“, entgegnete Ines.

Leo ging mit Ines zum Übungsplatz. Ines entdeckte noch ein paar Pfähle, welche mit Leder umwickelt waren. „Wofür sind denn die da?“, fragte sie Leo.

„Die sind für Schwertübungen gedacht“, erklärte er ihr.

Ines und Leo übten. Leo hatte Ines erzählt, dass man zwar schon sehr gut in seiner Kraft als Weltenwanderer, Schwertkämpfer oder anderes geboren wurde, man seine Kräfte aber immer noch verbessern konnte.

 „Ich habe eine Idee!“, rief Ines nach einer Weile. „Ich schieße zu dir jetzt Pfeile, und du lenkst sie so ab, dass sie ins Ziel treffen.“

 „Gute Idee!“, rief Leo zurück.

 „Drei, zwei, eins, los!“, zählte Ines.

Schon schoss Ines in schneller Folge fünf Pfeile zu Leo hinüber. Leo traf jeden einzelnen von ihnen.

 „Können wir jetzt aufhören?“, fragte Ines nach einer Weile. „Ich habe jetzt schon tausend-dreihundert-und-zwanzig Pfeile abgeschossen. Nach einer Weile wird mir aber langweilig. Kann ich nicht auch ein Messer haben?“

„Gut, dass du gefragt hast.“, sagte Leo. Er reichte ihr einen Dolch in einer weißen Scheide mit weißem Griff.

 „Hiermit kannst du dich wehren, falls jemand alle Pfeile abwehrt.“

 „Danke, Leo.“, sagte Ines.

Sie befestigte das Schwert am Gürtel.

 „Wie soll ich es denn benutzen?“, fragte sie.

 „Komm, ich erkläre es dir am Übungspfosten“, sagte Leo zu ihr.

 „Soll ich jetzt anfangen?“, fragte sie.

 „Natürlich, los jetzt!“, lachte Leo.

Die beiden übten ein paar Stunden und Ines besserte sich merklich.

Plötzlich kam ein Dienstbote angelaufen und rief außer Atem: „Königliche Hoheit! Königliche Hoheit! Sie können jetzt das Zelt aufbauen! Ihre Majestäten schicken mich, um ihnen zu sagen, dass sie in freier Wildbahn auch keinen Diener haben werden, der ihnen das Zelt aufbaut.“

 „Sie haben recht. Bringen Sie mich und Ines zum Platz“, sagte Leo zum Dienstboten.

Ines zupfte Leo am Ärmel. Wenn sie so nebeneinanderstanden, sah man, dass Leo ungefähr zehn Zentimeter größer als Ines war.

 „Du, Leo“, sagte Ines. „Können wir nicht deine Eltern fragen, ob wir zur Übung im Zelt schlafen können? Dann können wir auch testen, ob die Decken weich genug sind.“

Er lachte. „Gute Idee. Ich werde sie fragen.“

 „Wenn mir die Herrschaften bitte folgen möchten!“, rief da der Dienstbote dazwischen. Ines und Leo liefen ihm hinterher. Am Waldrand sahen sie eine große Rolle liegen.

 „Ist das das Zelt?“, fragte Ines den Dienstboten.

 „Ja Weltenwanderin, dies ist das Zelt. Ihr dürft es jetzt mit seiner königlichen Hoheit aufbauen.“

Leo kratzte sich am Kopf.

 „Und was sollen wir jetzt machen?“, fragte er.

 „Das ist doch ganz einfach.“, sagte Ines. „Zuerst packen wir das Zelt aus und sortieren die einzelnen Teile. Danach ...“

Unter Ines Anleitung bauten sie das Zelt innerhalb von fünf Minuten zusammen.

 „Was ist das?“, Leo hielt zwei fest zusammengeschnürte Bündel in den Händen.

 „Pack sie aus!“, sagte Ines. „Ich weiß es nämlich auch nicht.“

Als Leo die Bündel ausgepackt hatte, stellte Ines fest: „Das sind Schlafsäcke.“

Ines kroch in den grünen.

 „Sehr bequem“, sagte sie.

Leo schlüpfte in den himmelblauen. „Stimmt. Total gemütlich. Ich könnte glatt darin einschlafen.“

 „Untersteh dich!“, sagte Ines. „Wir müssen die Schlafsäcke schließlich noch ins Zelt legen.“

Ines hatte das Zelt erkundigt und festgestellt, dass es drei Teile im Zelt gab: einen in der Mitte, in dem die Sachen lagerten, einen, in dem Ines schlafen konnte, und einen, in dem Leo schlafen konnte. Man konnte auch ein großes Zimmer daraus machen, wenn man den Reißverschluss aus Eisen aufzog. Es gab auch ein Vorzelt, in dem man ein Feuer machen konnte.

 „Jetzt brauchen wir nur noch Kochsachen, ein Feuerchen zum Braten und Kochen und etwas zu essen“, sagte Ines. „Hast du deine Eltern gefragt, ob wir hier übernachten können?“

 „Nein, aber das mache ich jetzt. Du kannst ja inzwischen jagen gehen“, antwortete Leo. „Bis gleich.“

Er stand auf und lief in Richtung Schloss Krystalia. Ines stand ebenfalls auf, holte ihren Bogen und den Köcher und schlich in den Wald. Als Ines an einen Wildwechsel kam, legte sie sich dort auf die Lauer. Nach einer Viertelstunde sah sie die Löffel eines Hasen näherkommen. Sie erhob sich, legte einen Pfeil an, zog und schoss. Der Hase hörte das Geräusch und wollte in dem Moment davonlaufen, als Ines Pfeil ihn traf. Sie kauerte sich neben ihn und streichelte ihn. „Tut mir leid“, dachte sie. Ines packte den Hasen in eine Tasche und ging pfeifend zum Zelt zurück. Von weitem hörte sie das Knistern eines Feuers. Leo! Er musste schon zurück sein. Wahrscheinlich durften sie übernachten, denn sonst hätte er kein Feuer gemacht. Sie trat aus dem Wald auf die Wiese, wo das Zelt stand. Leo hockte neben dem Feuer und wärmte sich, denn es war schon dämmrig. Er schaute auf.

 „Ines!“, rief er freudig. „Na, was gefangen?“

 „Einen Hasen.“, entgegnete sie. „Dürfen wir denn übernachten?“

 „Natürlich“, sagte Leo. „Schau mal, wen ich mitgebracht habe.“

Ines hörte ein Wiehern.

 „Lara und Nino!“, sagte sie fröhlich.

Plötzlich hörte Ines noch jemanden sprechen.

 „Was glaubst du, wie Nino und ich Leo gedrängt haben uns mitzunehmen!“

 „War das Lara?“ fragte Ines ungläubig.

 „Wer denn sonst!“, hörte sie es schnauben.

 „Also kannst du wirklich mit mir sprechen?“

 „Natürlich!“, wieherte Lara.

 „Wo ist denn jetzt der Hase?“, fragte Leo mit gespielter Empörung. „Oder soll ich hier etwa verhungern!“

Ines holte den Hasen aus der Tasche.

„Jetzt musst du mir aber zeigen, wie man über einem Feuer kocht“, sagte Ines zu Leo, „oder du musst wirklich verhungern.“

Leo zeigte Ines, wie man einen leckeren Haseneintopf zubereitet. Nach einer Weile durchzog ein köstlicher Geruch die Luft.

 „Das riecht aber lecker!“, sagte Ines schnuppernd.

 „Hier ist dein Teller“, sagte Leo.

Nachdem sie den Haseneintopf restlos aufgegessen hatten, schauten sie noch eine Weile in das herabbrennende Feuer.

 „Morgen müssen wir schon los“, sagte Ines leise. „In Richtung großer Vulkan.“

Sie lauschte noch ein bisschen den Geräuschen der Nacht, dann schlief sie ein.

8 Kommentare

Ben am 20. August 2021

Supertoll!!! Fortsetzung!!!

Jessy am 20. April 2021

Echt gut!

Madita Remmers am 17. April 2021

Ich freue mich wirklich, dass euch meine Geschichte gefällt.

Tintenfan am 13. April 2021

Fortsetzung !!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!

Madita Remmers am 11. April 2021

Ich werde in Kürze eine bearbeitete Version online stellen

Madita Remmers am 9. April 2021

Das ist ja auch nur eine Leseprobe.

Brianna am 28. März 2021

Ich möchte auch eine Fortsetzung lesen. Die Geschichte ist sehr gelungen. ☺️

Jan-Nigi am 23. März 2021

Deine Geschichte ist mega cool!!!!. Bitte schreib eine Fortsetzung , ich möchte unbedingt wisssen wie es weiter geht !!