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Alex Lehwald

Leseprobe "Emma Wolkenschön und der geheimnisvolle Bilderrahmen"

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Der geheimnisvolle Bilderrahmen

Für Paula

Träumen,

ist der Anfang eines Abenteuers.
Höre also nie auf zu träumen.
Es könnte der Anfang von
etwas Wundervollem sein …

Emma Wolkenschön zog den Kragen ihres grünen Wollmantels noch ein wenig enger um den Hals. Dann rieb sie ihre Hände gegeneinander, die von der November-Kälte bereits ganz rot geworden waren und begann zu laufen. Schal und Mütze hatte sie vor lauter Hektik im Hausflur auf der Kommode vergessen, als sie sich heimlich rausgeschlichen hatte. Emma wusste, dass sich Mama deswegen wieder Sorgen machen würde. Auch, weil sie zurzeit eigentlich gar nicht alleine rausgehen durfte. Aber Mama musste schon wieder arbeiten und hatte keine Zeit für Emma. Hom-offisss oder so ähnlich, nannte Mama ihre Arbeit. Und immer, wenn Mama mit ihrem hom-offisss beschäftigt war, besuchte Emma lieber die nette und schrullige Miss Shephard. Seit diese seltsame neue Krankheit in ihrem Dorf ausgebrochen war, musste Emma ständig darauf achten, nichts falsch zu machen. Richtig anziehen, damit sie keine Erkältung bekam. Abstand halten. Hände waschen, Nase
putzen, richtig lüften, nur nicht husten, jede Menge Äpfel essen und und und.

Emma seufzte und lief zügig weiter. Wie gerne hätte sie sich endlich mit ihrer besten Freundin Lilly verabredet, doch leider war das nicht möglich. Sogar die Schulen waren geschlossen, damit die Kinder sich nicht gegenseitig ansteckten. Es war eine echte Katastrophe, fand Emma. Der kleine Laden von Miss Shephard lag verborgen in einer engen Gasse, gleich neben der Dorfkirche. Ein rosa-weiß gestreifter Sonnenschutz ragte wie ein wehender Flügel über einer alten grünen Holztür mit dem Messingschild „Good-land“. Emma, die vom Rennen bereits ganz außer Atem war, klopfte zaghaft dagegen und wartete.
„Herein.“ ertönte kurz darauf eine krächzende Stimme.
Emma trat ein und schnupperte.
„Hmmm. Miss Shephard. Es duftet ja heute wieder ganz köstlich bei ihnen. Was ist das??“
„Mandel-Mantel-Mandarinen-Glücks-Stern-Plätzchen.“
Miss Shephard rückte ihre runde Brille auf der Nase zurecht, strich sich über das graue Haar und zeigte voller Stolz mit ihrer runzeligen Hand auf einen goldenen Teller mit Gebäck, der auf einem Tischchen neben dem Eingang stand. Emma blickte verwundert auf den Teller. Aus den Seiten des Tellers ragten zwei kleine Ärmchen hervor, die eifrig in Emmas Richtung winkten. Dann schob sich aus der Mitte des Tellers auch noch ein winziger Kopf hervor, der einer Schildkröte ähnelte.
„Na komm schon, keine Angst. Du kannst ruhig näher kommen. Mich kann man mit nix und garnix mehr anstecken. Und Miss Shephard auch nicht. Dafür sind wir viel zu alt und weise.“ Die Teller-Schildkröte grinste frech. „Nun los. Nimm dir einen Keks. Und dann verrate uns mal, was dich zu uns führt. Was hast du auf dem Herzen?“
Emma griff zaghaft nach einem Keks, bedankte sich höflich bei der Teller-Schildkröte und blickte bewundernd durch den Raum. Von der Decke des Ladens hing ein riesiger Kronleuchter. Er glitzerte und blinkte, wie der größte Schatz der Welt. Der Eingangsbereich war in leuchtend bunten Farben gestrichen. Genau so stellte sich Emma das Innere eines
Regenbogens vor.
„Bei ihnen ist es immer so gemütlich.“ Emma schlenderte durch den Laden und blieb vor einem alten Holz-Regal stehen, griff behutsam nach einer Schneekugel und drehte diese auf den Kopf, so dass kleine weiße Flöckchen durch das Glas tanzten.
„Irgendwie, so wie in einem Märchen.“ Emma seufzte, stellte die Kugel zurück ins Regal und knabberte an ihrem Keks.
„Wenn ich in ihrem Laden bin, habe ich irgendwie gar keine Angst mehr.“
„Aber Liebchen, auch im Märchen ist nicht immer alles rosig.“
Miss Shephard lächelte Emma an.
„Aber wissen Sie Miss Shephard. Ich bin ja jetzt schon neun Jahre alt. Eigentlich bin ich ja gar nicht so ängstlich. Nun ja, manchmal schon, aber eigentlich auch nicht, denn ich bin ja
kein kleines Baby mehr. Aber..“ Emma stockte. „Aber Miss Shephard. Manchmal macht mir das alles Angst. Diese neue Krankheit. Alles ist irgendwie anders geworden. Gestern konnte ich gar nicht so richtig einschlafen. Mama spricht am liebsten überhaupt nicht darüber, wenn ich dabei bin. Ich denke mal, sie will nicht, dass ich mir Sorgen mache. Aber dann werde ich natürlich erst recht misstrauisch. Wenn die Erwachsenen nicht ehrlich sind, merken wir Kinder das doch sofort. Sie sind immer ehrlich zu mir, Miss Shephard. Das finde ich … irgendwie gut.“ Emma blickte schüchtern zu der alten Dame und lächelte.
„Ich möchte dir etwas zeigen, kleine Emma.“ sagte Miss Shephard und deutete mit ihrem Zeigefinger auf das Regal. „Nimm die Schneekugel und schau sie dir noch einmal an. Damit meine ich. Schau sie dir RICHTIG an.“
Emma griff erneut nach dem Gegenstand und drückte ihre Nase gegen das runde Glas. Mittlerweile waren die Schneeflöckchen wieder zu Boden gesunken. In der Mitte der Kugel konnte Emma ein winziges Schiff erkennen. Eine Flagge hing schlaff vom Mast herab, so dass Emma nicht richtig sehen konnte, welches Symbol dort abgebildet war. Emma blinzelte. Es war eine schwarze Flagge.
„Ist das ein Pir..“
Plötzlich sprang etwas Kleines vor ihr Auge. Emma zuckte vor Schreck zurück. Fast wäre ihr die Schneekugel aus der Hand gefallen.
„Himmel blitz und Donner-Gegröhl“ piepste es laut aus der Schneekugel. „Bei meinem Piraten-Ehrenwort. Wenn Du mich noch einmal von rechts nach links und hin und her schüttelst, gibt es Piraten-großen-Ärger.“
Das kleine Wesen presste seine winzigen Hände gegen die Glaswand und stampfte wütend auf den Schneeflocken herum.
„Der schimpft immer.“ sagte Miss Shephard und trat neben Emma, die noch immer ganz zittrig war, weil sie sich so erschrocken hatte. „Aber Angst hatte der nie, das kannst du
mir glauben, Liebchen.“
„Wer ist das?“ fragte Emma.
„Jack Raklam, ein britischer Piratenkapitän aus dem 17. Jahrhundert. Ich habe ihn in London gerettet, als er für seine Piraterie verurteilt werden sollte. Damals hatte ich noch die Hoffnung, aus Jack würde endlich ein vernünftiger Kerl werden, aber weil er nicht aufgehört hat mit dem Klauen, habe ich ihn dann für immer in diese Schneekugel verbannt. So kann er wenigstens keinen Unfug mehr anstellen und anderen Menschen schaden.“ Miss Shephard räusperte sich und klopfte gegen das Glas. „Jack, mein Lieber. Du hättest einfach auf mich hören und ein guter hilfsbereiter Pirat werden sollen. Vielleicht wird dein Benehmen ja irgendwann besser, dann überlege ich mir, ob ich dich wieder freilasse. Jetzt aber, bleibst du schön auf deinem Schiff in der Kugel.“
Der Pirat knurrte sauer.
„Piraten sind niemals hilfsbereit.“ antwortete er und ließ sich beleidigt auf den Boden plumpsen. „Ich werde NIEMALS freundlich sein.“
„Ich habe Zeit.“ antwortete Miss Shephard und drehte sich zu Emma um. „Und du auch, Liebchen. Hab keine Angst vor der Zukunft. Alles wird wieder gut. Wollen wir uns von Jack
verabschieden? Ich möchte dir noch etwas für zu Hause mitgeben.“
Emma musste nicht lange suchen, um ihr selbst gemaltes Lieblingsbild in der Schreibtischschublade zu finden. Es war das Bild mit dem Haus, das sie vor einigen Tagen für Mama gemalt hatte. Ein Haus mit einer roten Tür und einem wunderschönen Garten. In ihrer Phantasie, konnte sie sich jedes Haus selber malen, in dem sie gerne leben würde. Zurzeit wohnten sie nämlich nur in einer Wohnung mit Balkon, weil sie sich kein eigenes Haus leisten konnten. Aber Mama sagte immer „Kommt Zeit, kommt Rat, mein Schatz. Irgendwann werden wir unser kleines Häuschen mit Garten schon haben.“

Miss Shephard hatte Emma einen wunderschönen Bilderrahmen mitgegeben. Der goldene Rahmen hatte am Rand unzählige Schnörkel und sah unfassbar kostbar aus. Wäre es nicht ein Bilderrahmen gewesen, so hätte Emma fast gedacht, es handelte sich um den Spiegel von Schneewittchen. Emma befestigte den Rahmen behutsam an der Wand über ihrem Bett und blickte stolz zu ihrem Bild hinauf. Dann legte sie sich erschöpft auf ihr Kissen. Sie fühlte sich ein bisschen müde und schloss die Augen. Nur kurz, dachte Emma. Und dann, war sie auch schon eingeschlafen. Emma wusste nichts davon, dass der Bilderrahmen von Miss Shephard ein ganz besonderer Bilderrahmen war. Ein geheimnisvoller Bilderrahmen, der die selbst gemalten Bilder der Kinder zum Leben erwecken konnte. Allerdings nur, während die Kinder schliefen. Also wurde aus dem kleinen Haus mit der roten Tür, das Emma gemalt hatte plötzlich ein Haus mit roter Tür, in dem doch tatsächlich jemand wohnte. Ein Schweinchen (Leopold von Oink), ein Vogel Strauß (Mrs. Milton) und ein Hund (Henry Wuff), der häufig zu Besuch kam.

Kommentar

Lou am 10. Februar 2021

Eine tolle Geschichte. Wenn es diesen Bilderrahmen wirklich gäbe, könnte ich mich gar nicht entscheiden welches Bild ich hinein hängen würde.