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Mördschäm

Meggie

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Wie jeden Tag spüre ich ihre Hand, die über meinen Rücken streicht, die zärtlich meine Seiten liebkost und mich dann wieder fallen lässt. Mich zurückstellt zwischen die anderen. Wie jeden Tag werde ich noch ein Stück trauriger, weil sie mir keine Beachtung schenkt. Nur zu gerne würde ich ihre weichen Hände spüren, wie sie mich sanft berühren und ihre Augen spüren, die mich genaustens betrachten würden. Ich sehne mich danach, vor ihr zu sein, neben uns ein Tee oder ein Kaffee, Kekse oder eine Scheibe Brot und ansonsten nur wir beide. Vielleicht könnte nebenbei Musik laufen, doch ich wüsste trotzdem, dass in diesem Moment nur wir beide wichtig sein würden. Ihre gesamte Konzentration läge auf mir und ich wäre frei von jeglichen Zweifeln, über meinen Wert.

Während ich darüber nachdenke, was möglich wäre, wird der Druck auf mein Herz immer schmerzhafter. Wieder hat sie mich stehenlassen, mir fast keine Beachtung geschenkt und sich lieber anderen zugewandt. Ich hoffe so sehr, dass bald ich die Glückliche sein werde. Ich hoffe, dass sie bald meine Geschichte liest und in die Welt von Meggie eintauchen kann. Sie würde mit Meggie durch dunkle Gassen gehen, vor dem Bösen fliehen und dem Feuerspiel des wahren Meisters zusehen. Ihr Füße könnten neben denen von Meggie im Wasser des klaren Bächleins sein und sich von den Wellen kitzeln lassen.
Aber nein. Lieber zieht sie andere vor und hinterlässt in mir ein Gefühl der immer größer werdenden Leere.

Mein Gefühl sagt mir, dass heute mein großer Tag sein wird. Wie jeden Morgen steht sie vor uns und betrachtet viele von uns nur zu genau. Doch im Gegensatz zu den anderen Tagen verweilt sie, als sie mich berührt. Ihre Hände ruhen auf meiner bunten Vorderseite. Kleine Bilder zieren mich und verschlungene Buchstaben in goldener Farbe sind in mich geprägt. In mir entwickelt sich ein Gefühl unbändiger Freude. Sie wird immer aufmerksamer, fährt über meinen Rücken, dreht mich um und nimmt mein Hinterteil genau unter ihren prüfenden Blick. Ihre Augen gleiten dabei hungrig über jeden Schnörkel, über jede Ecke und Kante meines perfekten Körpers, in ihnen entwickelt sich ein Leuchten. Voller Begierde dringt sie tief in mich ein und taucht in eine andere Welt ab. In die Welt der jungen, büchersüchtigen Meggie, die bei ihrem Vater wohnt, doch in der Poesie lebt. Meggie, die in ein Abenteuer gerät und Fehler begeht. Meggie, die es schafft aus ihren Zäunen auszubrechen und schließlich frei ist.

Langsam aber sicher merke ich, wie ich sie immer mehr einnehme und sie in meinen Bann ziehe. Sie ist in einem Strudel von unzähligen Worten, denen sie nicht entfliehen kann. Einen ganzen Tag, der mir wie eine kleine Ewigkeit vorkommt, lässt sie mich keine Sekunde aus den Augen. Sie saugt den Inhalt der gedruckten Zeilen auf und ist vollkommen gefangen in dieser Welt der furchtbaren Gefangenschaft von angeblicher Freiheit.

Plötzlich unterbricht sie den Leserausch und ihr Blick schreckt auf. Ihre Aufmerksamkeit gilt etwas anderem. Sie starrt aus dem Fenster, doch fokussiert keinen bestimmten Punkt. Stattdessen ist ihr Blick in die Ferne gerichtet. Ihre Gedanken scheinen an einem fremden Ort zu sein.

Ich bin verunsichert, ob meine Handlung die falsche war. Mich plagt die Angst etwas Schlechtes zu sein und werde immer unsicherer. Doch ganz ohne Vorwarnung klappt sie mich endgültig zu, legt mich auf einen kleinen Tisch neben ihren Sessel und fängt an zu weinen.

Als ihre Mutter in ihr Zimmer kommt, um das Licht auszuschalten, jedoch ihre Tochter weinen sieht, nimmt sie ihr einziges Kind in den Arm und beruhigt sie. Nach kurzem Schweigen fragt sie nach dem Grund der Trauer. Die Gefragte fängt an zu erzählen. Sie erzählt von ihren Ängsten, die sie immer dann vergaß, wenn sie in die Welt eines Buches eintauchte. Doch ich war anders. Meine Geschichte war es, die in ihr eine Sehnsucht nach Freiheit auslöste. Sie will genau wie Meggie sein. Mutig, willensstark und voller Träume, die nach und nach Realität werden. Die Welt der Bücher ist zwar wunderschön und ihr Rückzugsort, doch außerhalb dieser Fantasiewelten fühlt sie sich einsam und unfrei.

Ein Funken Stolz flammt in mir auf, als ich bemerke, dass ich es war, die sie zum Nachdenken anregte. Ich bin nicht nur eines von vielen Büchern, dass man einmal liest und dann nie wieder beachtet. Nein, ich habe etwas bewegt und konnte einem Menschen zeigen, dass es so viele Arten der Freiheit gibt. Genau dazu wurde ich geschaffen. Um auf die Sehnsüchte meiner Leser zu wecken. Bei ihr habe ich es geschafft. Vielleicht wird sie fortan öfter nach mir greifen, mich lesen und an ihre Art der Freiheit denken. Vielleicht wird sie aber auch versuchen in diese Freiheit zu gelangen und nicht nur in ihren Träumen zu verfolgen. Jedoch ist mir egal, was von alledem passiert. Schon allein das Gefühl, dass ich es war, der jemanden bewegen konnte macht mich glücklich. Schon allein der Gedanke was alles kommen wird erfüllt mich mit unbändiger Freude. Wenn ich es könnte, würde ich jetzt anfangen zu singen, zu tanzen und zu lachen und niemals wieder damit aufzuhören. Doch an diesem Punkt endet meine Freiheit. Für einige mag ich vielleicht unfassbar frei wirken, doch als Buch, bin ich immer noch gefangen in meine feste Form. Zwar kann ich meine Figuren leben lassen. Ich kann mit ihnen fühlen, doch ich werde niemals mit ihnen rennen oder essen können. Denn ich bin doch nur ein Buch. Mit meinen eigenen Unfreiheiten. Ich kann so viel von Freiheit erzählen, doch vollkommene Freiheit in jeder Facette meines Körpers werde ich niemals erlangen können.

4 Kommentare

Marie am 14. Juli 2020

Eine wunderschöne Geschichte. Ich finde es super das es mal aus einer ganz anderen Sicht geschrieben ist. Kein Mensch erzählt die Geschichte sondern ein Buch. Super Idee!!!

Goupi am 11. Juli 2020

Toll erzählt. Finde super, dass man am Anfang nicht genau weiß was genau das Lyrische Ich ist.

Lou am 10. Juli 2020

Super Geschichte, mir gefällt das sie aus der Sichtweise eines Buches geschrieben ist.

Mizi am 9. Juli 2020

Sehr gut geschrieben