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Zoë

Rückkehr

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Er legte die Hand auf das durchnässte Gartentor, tastete langsam nach der Klinke und umfasste ihren kalten, feuchten Griff. Lautlos drückte er ihn herunter und öffnete das Tor mit einem leisen Quietschen. Es war nicht abgeschlossen, das war es noch nie gewesen.
Tief holte er Luft und trat dann entschlossen über die Schwelle auf den dunklen, vertrauten Steinweg. Sorgfältig schloss er das Tor wieder hinter sich und achtete darauf, auch diesmal möglichst keine Geräusche zu verursachen. Dann drehte er sich wieder um, zog sich die Kapuze tiefer ins Gesicht, hauchte seine Hände gegen den Frost an, rieb sie aneinander und setzte seinen Weg fort.

Die Augen hielt er starr auf den Boden gerichtet, nicht einen Blick hatte er für das undurchdringlich hohe Gestrüpp zu seinen Seiten übrig, das seit seinem letzten Besuch hier noch bedrohlicher geworden war und langsam aber sicher den Weg zu überwuchern begann. Bis auf das stete Tropfen des Regens, das gelegentliche Heulen einer Eule und dem Rascheln im Unterholz, waren außer seinen energischen Schritten auf dem nassen Untergrund, keine Geräusche zu hören.
Doch all das schien für ihn in weiter Ferne zu liegen. Er befand sich in Gedanken schon bei dem Haus, das sich nun in einiger Entfernung langsam aus der Dunkelheit schälte. Beim Anblick dieses Gebäudes blieb er für ein paar Minuten stocksteif stehen.
Vom Regen, der jetzt heftiger fiel, auf ihn eintrommelte, sich in seinen ärmlichen Kleidern festsog und an seiner nackten Haut hinunter rann, bemerkte er gar nichts. Dafür spürte er etwas anderes, etwas anderes, das sich genauso wie der unbarmherzige Regen anfühlte; auch seine Erinnerungen prasselten auf ihn ein, erfüllten jede Stelle seines Körpers mit eisiger Kälte und ließen ihn bei den Gedanken an das Vergangene schaudern.
Erst, als sich in den Regen ein paar Hagelkörner mischten und schmerzhaft auf seinem Körper auftrafen, erwachte er aus seiner Erstarrung und setzte seinen Weg nun noch eiliger fort. Die bis zu diesem Moment verdrängten Erinnerungen waren schrecklich gewesen, doch darin war auch etwas vorgekommen, was ihn vorwärts blicken ließ, was er schrecklich vermisste, etwas, zu dem es ihn nun schon so lange unbewusst zog.

Allein deshalb stand er jetzt am Fuße der gewaltigen Treppe des noch gewaltigeren Hauses und starrte in den wolkenverhangenen Nachthimmel. Als er seinen Blick schließlich an der düsteren Fassade wieder hinab gleiten ließ, blieb er an einem Fenster hängen. Die Vorhänge waren zugezogen, doch an ihren Rändern drang das schwache flackernde glimmen einer erlöschenden Kerze in die schwärze der Nacht. Ein Lächeln voller Hoffnung stahl sich auf sein hübsches und doch so oft grimmiges Gesicht, das in den letzten paar Jahren erwachsen geworden war.
Beschwingt sprang er die protzigen alten Steinstufen der verhassten Treppe hoch und entkam endlich dem Regen. Auch die Tür, vor der er nun stand, war einmal protzig gewesen, jedoch anders als die Treppe von Käfern befallen und mit der Zeit morsch geworden. Sie war ebenfalls nicht verschlossen, er wusste nicht einmal, ob es den Schlüssel zum Schloss überhaupt noch gab. Zum Glück war eine Verriegelung der Tür nicht nötig, da sich in diesen finsteren Teil des Waldes so gut wie keine Menschenseele verirrte und die wenigen, die es taten, vom abweisenden Äußeren des Hauses und den vielen Gruselgeschichten, die darüber existierten, abgeschreckt wurden.
Doch ihn verängstigte nichts davon. Er kannte dieses Haus und wusste, was sich in seinem Inneren verbarg. Deswegen war er hierher gekommen.

Endlich stieß er die morsche Tür auf und wurde von muffiger Schwärze begrüßt. Tief sog er diesen Geruch ein und versuchte die Erinnerung dessen, was er so lange vermisst hatte wiederzufinden, doch das Einzige, was kam, waren die Gründe, weshalb er diesen Ort für solch einen langen Zeitraum nicht besucht hatte. Und die Vorwürfe, die, die ihn die ganze Zeit seines Fortbleibens geplagt hatten, sie folgten gleich auf die Gründe, so als wollten sie ihm beweisen, dass es niemals einen Grund für das geben konnte, was er getan hatte. Um Fassung bemüht schüttelte er den Kopf; nun war er da, er war zurückgekommen, um seine Fehler wiedergutzumachen.
Mit diesem Gedanken im Kopf betrat er entschlossen das Haus. Drinnen war der Geruch noch stärker, beinahe verschlug er ihm den Atem. Nach Luft ringend und von der Last an Erinnerungen, die in diesem Raum noch schlimmer auf ihn eindrückte, geschwächt, stolperte er auf die hölzerne Wendeltreppe auf der gegenüberliegenden Seite zu. Mühevoll und um andere Gedanken bemüht schleppte er sich kraftlos bis in den ersten Stock, wo er sich schwer atmend an der ehemals tapezierten Wand herab auf den staubigen Boden rutschen ließ.
Hier oben ging es schon etwas besser. Jetzt sah er nicht mehr bei jedem Schritt die grässlichen Bilder, die in der Eingangshalle überall auf ihn gewartet hatten. Mit jedem Atemzug beruhigte sich sein Herz ein bisschen mehr, bis es wieder gleichmäßig und in normaler Geschwindigkeit klopfte. Eine Weile blieb er noch im Dreck sitzen, dann rappelte er sich wieder auf und setzte seinen Weg fort.

Als er schließlich den dritten Stock erreichte, erblickte er am Ende des Flures eine offenstehende Tür, aus der das leise Schnarchen mehrerer Personen zu ihm nach draußen drang. Freudentränen traten ihm in die Augen und vernebelten ihm die Sicht, während er schnellen Schrittes auf die Tür zusteuerte. Dann, als er endlich im Türrahmen stand und auf die zwei sich hebenden und senkenden Leiber blickte, liefen sie ihm haltlos über das Gesicht.
Endlich war er wieder da! Endlich hatte er sie wieder! Mit von Tränen verschleiertem Blick schlich er auf Zehenspitzen, um die Schlafenden nicht aufzuwecken, an das große Doppelbett heran. Lautlos ließ er sich auf der Bettkante nieder und strich dem Mädchen, das neben ihm schlief, liebevoll das struppige, wirre, schwarze Haar aus dem Gesicht, zog ihr und dem noch jüngeren Jungen daneben die Bettdecken bis zum Kinn und setzte sich auf einen Schaukelstuhl am Fenster. Erst jetzt bemerkte er, dass jemand fehlte. Er hatte sie zu dritt zurückgelassen. Die beiden Kinder, und eine alte Frau, die, so hatte er es sich zumindest eingeredet, auf die Kinder aufpassen konnte. Bestimmt schlief sie in einem anderen Zimmer.
Durch einen Spalt in den Vorhängen konnte er auf die regennassen Scheiben gucken. Darin sah er die Spiegelung seines Gesichts, das zugleich mitgenommen, als auch zufrieden aussah, denn er war zurück bei seinen jüngeren Geschwistern.
Jetzt, wie er sie so im Schlaf betrachtete, fiel es ihm immer schwerer zu verstehen, wie er sie jemals hatte verlassen können. Sie waren doch noch so jung. Jetzt waren sie natürlich etwas älter als vor drei Jahren, aber immer noch erst sechzehn und zwölf. Es grenzte an ein Wunder, dass sie so lange ohne seine Hilfe und nur mit der ihrer Großmutter am Leben geblieben waren.

Natürlich hatte er Gründe gehabt fort zu gehen, gute Gründe, doch trotzdem waren sie nicht gut genug. Wenigstens hätte er sie mitnehmen sollen, sie hatten fast das gleiche wie er erlebt, zwar waren sie nicht dabei gewesen, als es in der Eingangshalle passiert war, doch hatten sie alles gut aus ihrem Versteck im ersten Stock hören können. Die Schüsse, die Schreie, das Brüllen und zum Schluss die grausame Stille. Nur er hatte alles mit angesehen, hatte es überlebt.
Wieder überkamen ihn die Erinnerungen, doch diesmal ließ er es geschehen. Wie sonst sollte er jemals damit umgehen können?
Und so durchlebte er alles noch einmal ganz genau. Angefangen bei der Klingel, die laut durch das große Haus schrillte, den Schreien und der Stimme seines Vaters, der öffnete, und das Eindringen der Männer, die seinen Vater gesucht hatten. Warum wusste er bis heute nicht.
Bei den lauten Stimmen war er mit seinen damaligen siebzehn Jahren herbeigeeilt und hatte kurz nach seiner Mutter, die das Baby auf dem Arm hielt, die Eingangshalle erreicht. Daraufhin war ein heftiger Wortwechsel gefolgt, von dem er nichts verstanden hatte. Danach war der erste Schuss gefallen, laut und bedrohlich. Von ihm war er an der Schulter verletzt und zurückgestoßen worden. Wutentbrannt hatte sein Vater aufgeschrien und sein Jagdgewehr von der Wand gerissen. Der Mann, der den ersten Schuss abgefeuert hatte, hatte hämisch gegrinst und auf seine Mutter und das Baby gezielt. Beide waren miteinander zu Boden gegangen und hatte sich nicht mehr geregt. Nach einem schmerzerfüllten Schrei hatte sein Vater auf die beiden Männer geschossen. Einer war sofort zusammengesackt und gestorben. Der andere hatte noch Zeit genug gehabt seinen Vater zu erschießen, bevor auch er starb.

Mit der schrecklichen, ohrenbetäubenden Stille, die darauf gefolgt war, tauchte er wieder aus seinen Erinnerungen auf. Er hatte nicht bemerkt, dass er laut zu schluchzen begonnen hatte, doch jetzt war es zu spät, um die Stille wieder herzustellen, denn gerade erwachte seine Schwester, räkelte sich und sah sich dann verwundert um.
Bei seinem Anblick rührte sie sich eine Weile gar nicht und kroch dann langsam aus dem Bett. Mit wackeligen Schritten kam sie auf ihn zu und warf sich in seine Arme. Erst ertönte kein Laut von ihr, dann schluchzte sie: „Wo warst du? Wir haben dich so schrecklich vermisst!“, und fügte dann nach ein paar herzzerreißenden Schluchzern hinzu: „Großmutter ist vor einem Monat gestorben, wir waren ganz alleine! Ich bin so froh, dass du wieder da bist!“.
Die letzten Worte konnte sie kaum noch aussprechen, so sehr musste sie weinen. Er drückte sie fest an sich und redete beruhigend auf sie ein, obwohl auch ihm die Tränen über das Gesicht liefen. Nach einer Weile ertönte das leise, verschlafene Tapsen der Schritte seines Bruders, der ebenfalls aufgewacht war. Kurz darauf lag auch er in seinen Armen und obwohl dieser Moment von tiefer Trauer durchzogen war, war er so glücklich, wie schon lange nicht mehr.

Kommentar

Charly am 10. Oktober 2020

Schön und traurig. Warum ich am Anfang gedacht habe, es ist der Vater gemeint, weiß ich nicht, aber so ist es auch cool.