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Zoë

Sehen, was nicht da sein sollte

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Es war wunderschön; der ruhige, blaue See mit den majestätisch darauf entlang gleitenden Schwänen, dem zum See führenden sauberen, weißen Sandstreifen und mitten im See die bis über beide Ohren strahlende Runa.

Doch nur so lange, bis eine Stimme die Stille zerbrach.

"Runa!? Was machst du denn schon wieder in dem dreckigen Tümpel?"

Das Mädchen im Wasser schreckte aus ihren Träumen. Sie stand nicht mehr in dem großen See, der spielerisch um ihre Beine floss. Jetzt stand sie in einem dreckigen Tümpel. Ihre Beine steckten bis zu den Knien in Schlamm. Eine Coladose floss träge vorbei und Mücken, die über dem morastigen Wasser hin und her schwirrten, zerstachen ihr die Haut. Auch der weiße Sandstreifen war verschwunden. An seiner Stelle gab es nun ausgedorrtes Schilf, in dem sich überall Müll versteckte: Plastiktüten, Bierflaschen, in denen sich noch ein Rest Bier vermischt mit Tümpelwasser befand und vieles mehr.

An genau diesem Ufer konnte Runa nun ihre Mutter, die gestresst und entnervt wirkte, sehen. Im Gegensatz zu ihrer Tochter konnte sie diesen Ort überhaupt nicht leiden und verstand nicht, warum Runa sich so oft dort aufhielt. Wie auch, wenn man nur ein vermülltes Ufer und einen dreckigen Tümpel sieht?

Runa aber sah oft Dinge, die für andere unsichtbar waren. Allerdings sah sie diese Dinge nicht nur. Sie, ebenso wie andere Menschen, konnte sie berühren, hören und riechen. Wie zum Beispiel als Runa fünf Jahre alt gewesen war. Damals hatte sie umgeben von Kuscheltieren, Bauklötzen und Puppen in ihrem großen, unordentlichen Kinderzimmer gesessen. Lebhaft hatte Runa mit ihren Kuscheltieren gespielt und sich noch ein paar weitere Tiere dazu gedacht. Eines davon war ein kleiner bissiger Hund mit schwarzem Fell, kurzen Ohren und Flügeln. Sie hatte diesen Hund streicheln wollen, doch er hatte sie in den Finger gebissen und sie hatte weinend nach ihrer Mutter gerufen, die schnell gekommen war. Als Runas Mutter das Zimmer betreten hatte, war der Hund tollpatschig im Zimmer herumgeflattert. Runa hatte ihn mit verweinten Augen, aus denen immer noch Tränen quollen, angesehen. Auf die Frage ihrer Mutter, was passiert war, hatte Runa zur Antwort auf den Hund, der in diesem Moment gegen ein Regal geflogen war, gedeutet. Ihre Mutter hatte erstaunt auf eine am Boden liegende Spielesammlung, die eben aus dem Regal gefallen war, gestarrt und "Was war das?" gefragt. Runa hatte sich sehr gewundert. Sah sie den Hund nicht? Er stand doch gerade vor ihr in der Luft und beschnupperte sie! Runas Mutter hatte scheinbar den Hund gehört aber nicht gesehen. Doch dann war ihr Runas Finger aufgefallen, der immer noch blutete und sie sagte "Oh! Woran hast du dich denn verletzt?". Die fünfjährige Runa war zu verwirrt gewesen um zu antworten. Dann hatte sie das Bild des Hundes aus dem Gedächtnis verloren, womit der Hund verschwunden war. Doch warum das so war, wusste selbst Runa nicht.

Schon im Bauch ihrer Mutter hatte es angefangen; andauernd hatte ihr Mutter Gegenstände in ihrem Bauch gespürt. Schwer, leicht, spitz, weich, fest, flüssig. Dadurch war es zu ihrem Namen gekommen: Runa. Er bedeutet 'die Geheimnisvolle'.

Doch nun war die Geheimnisvolle kein Baby mehr, sie war vierzehn Jahre alt und watete durch einen Tümpel auf ihre Mutter zu, die, wie Runa jetzt bemerkte, nicht nur gestresst und entnervt war. Sie war auch wütend. Sehr wütend. Ihre Augen waren zu Schlitzen verengt, die Lippen so fest zusammengepresst, als müsse sie sie zusammenhalten, damit sie nicht anfingen zu schreien. Die Arme stützte sie in die Seiten. Runa, die immer noch durch den Tümpel watete, verlangsamte ihre Schritte. Auch beim Schuhe anziehen ließ sie sich viel Zeit. Doch irgendwann waren die Schuhe zugebunden und Runa ging mit gesenktem Kopf auf ihre Mutter, deren Haltung sich um keinen Zentimeter verändert hatte, zu. Unwillkürlich bildete sich in Runas Kopf ein Bild von ihrer Mutter, die in einer Eissäule eingefroren vor ihr stand. Augenblicklich konnte ihre Mutter kein Wort mehr von sich geben und ihre Füße kein Stück vom Fleck rühren. Halb erschrocken und halb belustigt sah Runa sie an, und ohne lange zu überlegen rannte sie an ihrer eingefrorenen Mutter vorbei, weg vom Tümpel.

3 Kommentare

Zoë am 15. Juli 2020

Danke, das freut mich☺️

Marie am 14. Juli 2020

Eine schöne Geschichte. Guter Stoff zum drüber Nachdenken.

Lou am 10. Juli 2020

Tolle Geschichte, sie bringt einen richtig zum Nachdenken.