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Steinerne Dissonanzen

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Der Regen tropfte von der Nase des steinernen Mädchens wie Tränen. Sie stützte den Balkon eines schmalen Hauses, kaum hundert Schritte entfernt vom Stephansdom. Während der große Platz ungewohnt verlassen dalag, trat Esther vor dem Mädchen aus Stein fröstelnd von einem Fuß auf den anderen. Eine gefühlte Ewigkeit stand sie sich schon die Beine in den Bauch, beobachtete die wenigen Reisenden, die sich trotz des Dauerregens auf den Weg zu der großen Kirche gemacht hatten, und wischte sich ab und zu die Tropfen von ihrem hochgeschlagenen Mantelkragen. 

"Diese ganze verdammte Stadt besteht aus nichts als Stein und Regen!" knurrte sie, als eine besonders dicke Träne die graue Nase der Statue herunter und ihr in den Nacken rollte. Trotz all der Jahre, die sie in Venna verbracht hatte, erstaunte es sie immer wieder, mit welchem Feuereifer die Reichen der Stadt sämtliche Fassaden, Dächer, Giebel, und was ihnen sonst noch einfiel, von Steinmetzen bearbeiten ließen. Wohin man auch sah, überall wimmelte es von Steinlöwen, Fabelwesen und angeberischen Wappen. Die meisten zeigten nicht die Insignien altehrwürdiger Familien, sondern entsprangen der Geltungssucht der Einwohner Vennas, deren Reichtum so frisch war, dass an ihrem Geld noch die Druckerschwärze trocknete. Das Echte starb immer mehr und das Künstliche regierte die Welt. Es kümmerte Esther nicht. Sie verabscheute das ewige Grau der Stadt, die falschen Gesichter der Menschen in den engen Gassen, die abweisend Strenge der Gebäude. Sie war allzu jung gewesen, als sie gedacht hatte, ihr Heimatdorf am Fuß der Berge verlassen zu müssen, um das Leben einzufangen. Nun vermisste sie das Grün der Hänge, die dunklen Wälder, die alten Bäumen mit Bärten aus Moos. Und doch, auf dem Land fehlten ihr auf einmal die weinenden Statuen aus zerfressenem Sandstein, die schiefen, dröhnenden Klänge der Orgel des Doms. Venna und das Dorf hallten in ihr wieder wie die wettstreitende Akkorde aus den tausenden Pfeifen. Die Dissonanz der Herkunft und des Zufluchtsortes, des Steins und der Wälder. Die Manuale spielten eine andere Hymne als Esther, ihre Füße bewegten die Pedale zu einem anderen Leben als dem ihren. 

Kommentar

Camilla am 11. Juni 2021

Das hast du echt schön geschrieben, die Details sind toll eingebaut und weder zu viel noch zu wenig. Ich würde echt gern mehr über Esther und ihre Geschichte erfahren. LG, Camilla