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Cellie Auger

Stille Nacht

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Liebe Frau Funke,

seit ich einen Stift halten kann, will ich Geschichten schreiben. Sie waren und sind dabei stets eine große Inspiration. Ich weiß nicht mehr genau, welches das erste Buch war, das ich von Ihnen gelesen habe, aber ich glaube, es war Drachenreiter. Dann folgte von Anna Geschichten bis Tintenherz alles, was ich finden konnte. Reckless mag ich besonders gerne, nicht nur wegen dem Inhalt, sondern auch weil mir Ihre Illustrationen darin so gut gefallen.

Ich habe keine Ahnung, ob diese Mail bei Ihnen ankommen wird, aber falls sie es tut: ich danke Ihnen von ganzem Herzen, dass Sie schreiben. Die Welt wäre um einiges langweiliger, könnte man nicht in die Ihren eintauchen.

Im Anhang finden Sie eine Kurzgeschichte von mir. Wenn Sie wollen, können Sie sie lesen, sie ist etwa zwei Seiten lang. Sie müssen natürlich nicht, ich bin schon froh, wenn Sie diese Mail lesen. Aber ich finde, dass mich die Geschichte besser beschreibt, als förmliche, in einen Brief verpackte Worte.

Frohe Weihnachten

PS: Da ich meinen Namen nicht sehr mag, habe ich mir Fuchs’ letzten Namen geliehen. Ich hoffe, das ist okay.

Sie versuchte die Nacht mit Kerzen zu vertreiben, aber egal wie viele sie davon im Zimmer
verteilte, die Schatten blieben. Sie lauerten unter dem hölzernen Tisch, hinter den
Rahmen der Gemälde, die um sie herum an der Wand hingen und sammelten sich in den
Fenstern, bis nichts mehr zu sehen war von der verschneiten Landschaft draußen. Einzig
der Sessel, in dem ihr Mann saß, war hell durch seine Leselampe erleuchtet und überall
wo sie die Kerzen platziert hatte, kämpften die kleinen Flämmchen gegen die Dunkelheit.
Das Wachs schmolz dahin und verbreitete Schwaden von Duft. Orange, Nelken, Vanille,
Zimt. Sie flackerten, wenn sie sich durch den Raum bewegte, beugten sich und richteten
sich dann wieder auf, streckten sich gen Decke und in Richtung des Baumes, der in der
Ecke stand. Fast wirkte es, als wollten sie seine grünen Nadeln unbedingt erreichen, seine
wunderschönen grünen Nadeln, seine Zweige, die sie mit glitzernden Kugeln geschmückt
hatte, so wie jedes Jahr. Die Flämmchen, sie wollten das alles liebkosen und zu sich ins
Feuer ziehen, immer mehr davon, bis das Haus in Flammen stand. Das würde zumindest
die Dunkelheit verscheuchen.

Sie schüttelte den Kopf, um den seltsamen Gedanken loszuwerden und begann, eine
Melodie vor sich hinzusummen, während sie in die Küche lief, um sich die Hände zu
waschen. Ein wenig Erde haftete noch an ihnen. Als sie zurück ins Wohnzimmer trat, fiel
ihr Blick auf ihren Mann, der stumm und friedlich in seinem Sessel saß. Der Raum war
nun erfüllt vom Duft der Kerzen. Sie lächelte. Er hielt kein Buch in der Hand, wie er es
früher immer getan hatte, sondern saß einfach nur sinnlich schweigend da, eine
Wolldecke über den Knien. Er trug seinen schicken Anzug, den er auch immer auf
Beerdigungen getragen hatte. Sie wollte gar nicht daran denken.

„Ich bin so froh, dass du wieder zurück bist“, sagte sie stattdessen und bahnte sich einen
Weg an dem Baum vorbei zu ihm hin. „Weißt du, ich hätte es, glaube ich, nicht
ausgehalten, Heilig Abend, so ganz allein.“

Er antwortete nicht, aber sie meinte, seine Zustimmung zu spüren, wie ein warmer Druck
auf ihren Schultern, und zu wissen, dass er sie immer verstanden hatte, genügte ihr. Sie
strich ihm zärtlich eine Haarsträhne aus der Stirn, und als sie das tat, streiften ihre Finger
flüchtig seine kalte Haut.

„Du musst ja frieren“, stellte sie fest und zog die Wolldecke enger um ihn. Gerade als sie
sich umdrehen und zurück in die Küche gehen wollte, um nach dem Essen zu sehen,
klingelte das Telefon. Sie schenkte ihm ein entschuldigendes Lächeln und ging dem
metallischen Singsang nach, nahm den Höher ab.

„Hallo?“, fragte sie freundlich, und nach ein paar Sekunden: „Worum geht es?“

Sie lauschte aufmerksam auf die Stimme am anderen Ende, und mit jedem Moment, der
verstrich, verlor ihr Gesicht ein wenig mehr von seiner Farbe. Das Lächeln wich von ihren
Lippen und ihre Augen huschten unruhig im Raum umher, blieben kurz an ihrem Mann
hängen.

„Ich verstehe nicht“, sagte sie und all die Freude, die sie eben noch empfunden hatte,
schien verstummt zu sein. Ihre Stimme zitterte leicht. „Warum würde jemand–? Nein, ich
weiß nicht, wer das war.“

Sie schwieg wieder für eine Weile.

„In Ordnung“, stimmte sie schließlich zu. „Natürlich können Sie vorbeikommen, es ist nur–
Nein, Sie haben Recht. Frohe Weihnachten.“ Dann legte sie auf.

Sie blieb einen Moment lang so stehen, die Hand noch auf dem Hörer, die andere im
Saum ihres Kleides verkrampft, den Blick ins Leere gerichtet. Endlich blinzelte sie ein paar
Mal, entspannte die Finger und strich ihren Rock glatt, lächelte flüchtig, wie über einen
dummen Scherz. Sie drehte sich wieder zu ihrem Mann um und trat vor seinen Sessel.
Dass sie nach dem Essen hatte sehen wollen, musste ihr entfallen sein.

„Das war die Polizei“, teilte sie ihm, fast beiläufig, mit. Sie versuchte unbekümmert zu
klingen, doch sie war sichtlich angespannter als zuvor.

„Und sie haben mir die unglaublichste Geschichte erzählt. Da kam doch der Pfarrer nach dem Gottesdienst aus der Kirche und sieht, dass eines der Gräber offen ist, eines von den neuen. Kannst du dir das vorstellen, Liebling? Jemand hat eine Leiche gestohlen.“

Sie schüttelte den Kopf über so viel Absurdität, beugte sich vor und küsste ihn auf die noch immer nicht wärmer gewordene Wange. Er roch anders als früher. Er roch ein bisschen wie alte Bücher oder eingestaubte Regale, langsam morsch werdendes Holz.
Sie richtete sich wieder auf und betrachtete ein wenig betreten ihre Hände. Sie würde sie
wohl ein weiteres Mal waschen müssen, denn sie fühlten sich an, als wären sie noch
immer schmutzig. Als klebte an ihnen noch immer die schwere, feuchte Erde.

7 Kommentare

Heike am 1. Februar 2020

Gelungener Gruseltauchgang - bitte meeehr!

Heike am 1. Februar 2020

Gelungener Gruseltauchgang, bitte meeehr!

Goupi am 31. Januar 2020

Eine wunderbare Geschichte mit einem unfassbarem Ende. Ich finde die Geschichte perfekt. Du kannst wirklich gut schreiben und es würde mich nicht wundern wenn du später mal eine gute Schriftstellerin wirst. Ich würde mich freuen mehr von dir zu lesen. Mit freundlichen Grüßen Goupi

Marlene am 31. Januar 2020

Wahnsinnig schön geschrieben, spannend, einfach toll! Ich möchte mehr von dir lesen.

Die Klosterneuburger am 29. Januar 2020

Gratulation zu deiner wirklich genialen Geschichte! Vielleicht lesen wir hier ja wieder einmal etwas von dir!!

Maila am 27. Januar 2020

Schon der Brief an Cornelia Funke hat mich überwältigt! Einfach unglaublich...

Janna am 21. Januar 2020

Wow, einfach nur WOW