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Minna

Ungerecht

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Er hatte es geschafft.

Monate, wenn nicht Jahre hatte er darauf gewartet, den Brief zu erhalten, ihn zu öffnen und darin zu lesen, dass sein Traum wahr geworden war.

Er musste aber nicht mehr warten. Heute Morgen, heute war er die Treppe hinuntergelaufen, war durch den engen, dunklen Korridor gelaufen, hin zu seinem Briefkasten. Seine rissige Kaffetasse hatte er auf seinen Briefkasten gestellt, während er in seiner Hosentasche nach dem Schlüssel kramte.

Als er seinen Briefkasten öffnete, wusste er es sofort: Das Warten hatte ein Ende. Sein Leben wie er es kannte und hasste, das alles hatte ein Ende. Bald, sehr bald würde sich alles ändern. Er machte sich nicht die Mühe, den Rest der Post mitzunehmen, machte sich garnicht die Mühe, seine fleckige Kaffetasse mitzunehmen, er sprintete die alte, dunkle Treppe hinauf, schoss durch seine offene Wohnungstür.

Er öffnete den Brief.

Endlich. Den Ersten Satz las er. Kein Wort mehr. Doch es war genug. Freudensprünge wurden gemacht, Siegestänze getanzt.

Dann rannte er die Treppe hinunter.

Etwas geschah, er wusste genau, was es war.

Schwärze.

Und dann war da nur noch die alte, fleckige Kaffetasse, in welcher der billige, bittere Kaffe kälter und kälter wurde.
Und der offene Briefkasten, in welchem Post lag, welche niemand durchlesen würde. Und er, der ausgestreckt auf dem Boden lag und sich nicht mehr rührte.

Schade, ungerecht.

Obwohl er doch gerade den Brief bekommen hatte. Den Brief. Den Brief, der oben auf seinem wackeligen Esstisch lag. Den Brief, welchen er nicht ganz durchgelesen hatte. Aber er hatte genug erfahren.

Und doch, doch hatte er nur den ersten Satz gelesen.

Ungerecht.

Kommentar

Lou am 6. Juli 2020

Es ist eine sehr schöne Kurzgeschichte. Aber mich würde interessieren, was das denn jetzt für ein Brief ist und wer ihn umgebracht hat.