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Ponke Brupbacher

Verfolgt

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Liebe Insa, meine Tochter, in der Zwischenzeit schon 23, hat mit 17 eine kleine Szene zu einer Elfe geschrieben. Sie schreibt natürlich auch heute immer noch. Weil sie findet, dass Cornelia den allerschönsten Schreibstil hat und ein riesiger Fan ist, schicke ich euch diese Szene (natürlich mit ihrem Einverständnis). Vielleicht kann sie ja in "Eure Geschichten" aufgenommen werden, auch wenn sie nur ganz kurz ist. Es würde uns unheimlich freuen und herzlichen Dank. Schöne Grüße.

Es ist bereits tiefste Nacht und das Sternenlicht dringt durch die hohen Baumkronen zu dem kleinen Walde, erhellt die Lichtung nebenan, während der stillschweigende Teich zum Lied des Mondes ruht. Jener hat die Wolken vom nächtlichen Schauspiel vertrieben, die Sterne funkeln wie unschuldige, weiße Perlen im Himmel. Es ist das Bild einer völlig heilen und perfekten Welt, befreit von allem, was Unheil bringt...

Doch urplötzlich scheint dieses getrübt zu werden: Eine Gestalt taucht am Ende der Lichtung auf, wirft einen panischen Blick nach hinten, rafft ihr zerrissenes Kleid hoch und hetzt dann weiter in die schützenden Arme des Hains. Atemlos stützt sich die junge Fee an eine alte Trauerweide, presst ihren zitternden Körper gegen den mächtigen Stamm und ebenda beginnen die dünnen, medusenartigen Zweige des Baumes wie aus dem Nichts in der Luft umherzupeitschen. Die düsteren, undurchdringlichen Wogen der Nacht, welche mit dem Erscheinen des mysteriösen Geschöpfs aufgekommen sind, verbannen die Sterne vom Himmelsgestirn und die zwielichtigen, donnerbrüllenden Wolken umhüllen die Mondsichel. Des Regenschauers' Fluten strömen durch das nächtliche Unterholz, versuchen die in Unheil getränkten, infernalischen Spuren des eben Geschehenen zu verwischen...

Nun sinkt die Trauergestalt zu Boden, legt ihren Leib auf die feuchte Erde und vergräbt den Kopf in ihren Händen, schwarze Tränen rinnen über ihr von feinen Zügen geprägtes Gesicht. Das lange, tiefschwarze Samtkleid zieren einige blutrote Flecken, welche sich im Stoff eingenistet haben und ein besonders großes Loch gibt die Hälfte ihres Rückens frei, der mit kleinen Wunden beschmückt ist. Dann erhebt sich die Gestalt aus ihrer Starre und bahnt sich langsamen Schrittes ihren Weg durch das Unterholz, bis sie sich auf einem der glitschigen Steine rund um den Teich niederlässt. Zeitgleich stoppt der Regen urplötzlich, der Sturm findet ein abruptes Ende und schon liegt der verträumte, kleine Teich, auf dessen Oberfläche eben noch Regentropfen wild umhertanzten, wieder still und ruhend in jenem verwunschenen Wald.

Die Gestalt holt einen tiefen Atemzug, doch bevor sie jenen in die kalte Nachtluft ausstoßen kann, wo er sich zu einer grauen Nebelwolke verformen würde, ertönen aus einiger Ferne dumpfe, schwere Schritte, gefolgt von einem grollenden Schnauben. Die Fee erschaudert, ihr kleiner, zarter Körper beginnt zu beben, panisch blickt sie sich um. Die Bedrohung nähert sich zusehends, doch die Erschöpfung, hervorgerufen durch die kleinen Schnittwunden, versperren dem Wesen jegliche Fluchtmöglichkeiten. Ihre bernsteinfarbenen Augen füllen sich mit schwarzen Tränen, als plötzlich eine kristallweiße Hand aus dem eisblauen Wasser ragt und sich ihr entgegenstreckt. Die Fabelgestalt wirft einen letzten, flüchtigen Blick zurück, bevor sie die Hand mit zitternden Fingern ergreift und in das kühle Nass abtaucht, bevor ihr blutrünstiger Verfolger die kleine Mündung erreicht.


Ponke Brupbacher, 2015

2 Kommentare

Goupi am 21. März 2020

Mega cool und echt gut geschrieben

Lotte Leselust am 16. März 2020

Wunderschön!!!! Mega guter Schreibstil!