Emma glaubt nicht an Feen
Eine berührende Geschichte über Freundschaft und den Umgang mit den Schätzen der Natur
Die elfjährige Emma findet Schule wirklich anstrengend. Viel lieber ist sie draußen, erforscht Planzen, rettet Schnecken und beobachtet Tiere im verwilderten Park nebenan. Auf einem ihrer Streifzüge folgt sie einem merkwürdigen Insekt bis tief hinein in ein Brombeerdickicht. Emma staunt nicht schlecht, als sie sich plötzlich auf einer wunderschönen, blumenbestandenen Lichtung wiederfindet. Im nächsten Moment stellt sie jedoch mit Entsetzen fest, dass sie auf die Größe einer Maus geschrumpft ist! Wie kann das sein? Sind die über ihr flatternden Flügelwesen etwa Feen? Tatsächlich! Und sie sind furchtbar wütend darüber, dass ihre geheime Welt von einem Menschen entdeckt wurde. Zur Strafe wollen sie das Mädchen den Füchsen zum Fraß überlassen …
Allein die Distel-, die Löwenzahn- und die kleine Glockenblumenfee sind bereit, Emma in ihrer Not zu helfen. Heimlich unterstützen sie das Mädchen auf der Suche nach einem Weg nach Hause und zeigen ihr, wie man mit Tieren und Pflanzen spricht. Dabei ist nicht nur Emma in Gefahr, auch das geheime Land der Feen ist in seiner Existenz bedroht.
- Erstmals erschienen 2026
- Lesealter Ab 7 Jahren
- Illustriert von Elias Linnekuhl
- Verlag Insel Verlag
- Erhältlich bei genialokal.de
- Auch erschienen als eBook
Dreiundzwanzig Schritte
Emma fand Schule wirklich anstrengend. Sie war einfach so viel lieber draußen. Aber meist hatte sie noch so lange mit Hausaufgaben zu tun, dass sie es kaum in ihre Stiefel schaffte, bevor es dunkel wurde. Emmas Zimmer erzählte von ihrer Leidenschaft für alles, was nicht von Menschen gemacht war. In dem Bücherregal, das Mams ihr gebaut hatte, lagen neben Käfer- und Schmetterlingsführern Dutzende von Steinen, Tannenzapfen, getrocknete Blüten und leere Schneckenhäuser ... eben alles, was die Welt ihr an Schätzen bescherte. Emma mochte vor allem die kleinen verborgenen Geschöpfe und Dinge sehr. Ihre Mutter teilte diese Leidenschaft. Vielleicht weil sie ebenso wie Emma ziemlich klein geraten war. Ganz im Gegensatz zu Emmas ellenlangem, spindeldünnem Vater. Emil und Renzo, ihre manchmal ziemlich anstrengenden Brüder, waren genauso hochgeschossen, sie waren ein paar Jahre älter als Emma, die gerade ihren elften Geburtstag gefeiert hatte. Heuschrecke. Käferschwester. Ihre Brüder hatten viele Spitznamen für sie, die Emma allesamt nicht lustig fand. Aber gut, zugegeben — wenn in der Schule ein Klassenfoto gemacht wurde, wurde sie von ihrer Lehrerin immer ganz vorne hingestellt, weil sie sonst niemand gesehen hätte.
Na ja. Manchmal stahl Emma die Vitaminkapseln von Mams, in der Hoffnung, dass sie von denen wachsen würde. Aber bislang hatte das keinen Erfolg gehabt. Ebenso wenig wie all die Zeit, die sie sich von der Kletterstange im Garten baumeln ließ, um so länger zu werden. Ziemlich lächerlich! Denn natürlich war sie nicht wirklich klein.
Die Ereignisse, die Emma das mehr als klar machten, nahmen an einem ganz normalen Freitag ihren Lauf. In der Schule war sie wie so oft gleich dreimal dabei ertappt worden, dass sie statt auf ihre Lehrerin zum Fenster rausgeblickt und versucht hatte, die Vögel zu identifizieren, die vorbeiflogen. Danach hatten die Hausaufgaben den kostbaren Rest des Nachmittags gefressen, und als sie sich endlich die Stiefel anzog, begann es zu regnen. Leider normal da, wo sie wohnten. Vor allem Ende April. Ihre Eltern hatten ihr immer noch kein Handy erlaubt, obwohl Emma ihnen erklärt hatte, dass sie eins für Pflanzen- und Käfer-Identifizierungs-Apps brauchte und nicht, wie ihre Brüder, um den ganzen Tag irgendwelche dummen Videos darauf zu gucken. Also packte sie wie immer ihr Notizbuch in den Rucksack, ein paar Stifte, das Buch zum Insekten-Bestimmen, das sie zum letzten Geburtstag bekommen hatte, ein Vergrößerungsglas und für den Fall, dass sie irgendwelche interessanten Spinnen oder Käfer entdeckte, ein leeres Marmeladenglas mit Deckel. (Natürlich ließ sie ihre Gefangenen immer schnell wieder in die Freiheit kriechen.) Spinnen und Käfer mögen Regen auch nicht sonderlich. Aber Emma brauchte einfach dringend etwas freien Himmel über sich und Erde statt Fliesen unter den Sohlen. Kurz : Urlaub von der Menschenwelt. Die war bisweilen einfach ziemlich anstrengend. Und so langweilig!
„Emma“, sagte Mams, als sie sah, wie sie sich die Regenjacke überzog. „Wir essen schon in einer halben Stunde zu Abend! Und du wirst klitschnass werden. Auch mit der Jacke.“
„Ich geh nur in den Garten, versprochen!“, gab Emma mit ihrem verantwortlichsten Gesicht zurück. „Du weißt schon. Frische Luft. Und so weiter.“
Mams warf einen Blick aus dem Fenster, wo der Regen die Scheibe hinunterlief. „Ich kann verstehen, dass du nach all dem Sitzen in der Schule rauswillst. Ist wirklich nicht gut. Kinder sollten viel mehr draußen sein! Sich die Welt ansehen!“ Sie seufzte. „Na gut. Aber achte auf die Zeit! Versprochen ?“
Emma verkniff sich den Kommentar, dass ihr Handy sie erinnern könnte, falls sie eins hätte — wie ihre Freundinnen. Stattdessen schenkte sie Mams ein breites Lächeln, warf sich den Rucksack über die Schulter und schob sich aus der Tür.
Der Regen war wirklich nicht so schlimm. Es war eher ein Nieseln, und Emma entdeckte bald ein paar Schnecken, denen das Wetter sichtlich gefiel. Zwei saßen auf den kleinen Salaten, die Mams erst gestern gepflanzt hatte, und ließen sich die saftgrünen Blätter schmecken. Bestens. Sie lieferten eine hervorragende Ausrede, doch noch mal eben aus dem kleinen Tor am hintersten Ende ihres Gartens zu schlüpfen. Schließlich musste sie die Schnecken weit weg von Mams’ Salat bringen.
Ihre Eltern wussten, wie gern Emma sich in die Wildnis hinter ihrem Zaun stahl. Na ja, es war nicht wirklich eine Wildnis und auch nicht wirklich ein Wald, eher ein verwilderter Park zwischen den Häuserreihen, mit ein paar verlorenen Bänken zwischen Brennnesseln und Efeu und ein paar ziemlich alten, ziemlich hohen Bäumen. Aber immerhin. Das Haus, in dem sie lebten, hatte Emmas Großvater gebaut. Ihre Mutter war dort auch schon aufgewachsen und erinnerte sich noch an die Zeit, als der Park angelegt worden war. Sie hatte Emma den überwachsenen Brunnen gezeigt, in dem das R genwasser ein paar Fröschen eine neue Heimat beschert hatte. Und den Holunderbusch, unter dem Emma sitzen und spielen konnte, dass sie ganz allein auf einer einsamen Insel war. Ihre Eltern hatten es schon lange aufgegeben, ihr zu verbieten, sich dorthin zu stehlen. Aber Mams
hatte ihr das heilige Versprechen abgenommen, dass sie sich nie weiter als dreiundzwanzig Schritte von ihrem Gartentor entfernte. Paps hatte die sogar mit ihr abgeschritten. „Damit du in Rufweite bist, falls dir irgendwelche Kinderdiebe oder bissigen Hunde über den Weg laufen“, hatte er gesagt. „Oder unser netter Nachbar, der so gern Kinder anschreit.“
Sie hatten sogar zusammen ausprobiert, ob Mams sie im Haus hörte. Tat sie. Allerdings musste man ziemlich laut rufen.
Emma klopfte den Schnecken sacht auf die runden Häuser, bevor sie sie von den Salatblättern löste. Sie hatte gelesen, dass man Schnecken verletzte, wenn man sie allzu abrupt hochhob. Die zwei waren noch ziemlich klein, mit Häusern, die sich wie dünnes Porzellan anfühlten und wunderschön gemustert waren. Emma schob sie vorsichtig in das Glas und beobachtete fasziniert, wie sie in ihren Häusern verschwanden. Wie sich das wohl anfühlte, immer ein Haus bei sich zu tragen und
ganz ohne Hände und Füße so lautlos und sacht durch die Welt zu gleiten?
Emma stapfte auf das Gartentor zu, während sie versuchte sich vorzustellen, wie es wäre, zwei tastende Fühler auf der Stirn zu haben. Ja, Mams würde sicher verstehen, dass sie die Schnecken noch schnell aussetzen musste. Eins, zwei, drei ... Emma zählte ihre Schritte, wie versprochen, während sie sich zwischen die Büsche schob, die hinter dem Zaun wuchsen. Sie strichen ihr mit ihren frisch getriebenen Blättern übers Gesicht, während Emma weiter durch den nun doch
ziemlich heftigen Regen stapfte. Ja, ein verwilderter Park war genau das richtige
Zuhause für zwei junge Schneckchen. In ihrem Garten bestand viel zu oft die Gefahr, dass jemand auf ihre zerbrechlichen Häuser trat! Da. Sie wich ein paar triefenden Zweigen aus und bückte sich. Ein paar saftige Löwenzahnblätter. Oder war das Saudistel? Mams brachte sich gerade bei, mit Wildkräutern zu kochen, und Saudistel stand ganz oben auf ihrer Liste. Emma hatte inzwischen schon so manche von den gelben Blüten in ihrem Salat gefunden. Sie fischte die zwei Schneckchen vorsichtig mit dem Finger aus dem Glas und setzte sie unter eins der schmackhaft aussehenden Blätter. Um sie her triefte und tropfte es von den Bäumen. Links von ihr hingen die Regentropfen wie Perlen in einem Spinnennetz, und Emma atmete die feuchte Luft tief in ihre Lungen. Na gut, es war wohl besser, zurückzugehen. Eine Brombeerranke krallte sich an ihren Ärmel, als sie sich umwandte. Waren die letzte Woche schon hier gewesen? Die stachligen Ranken streckten sich ihr von überall entgegen, als wollten sie ihr den Weg versperren. Nächstes Mal würde sie Mams’ Gartenschere mitbringen. Brombeeren waren grüne Monster. Kein Wunder. Sie hatten ziemlich köstliche Früchte zu verteidigen. Und sie boten jungen Bäumen nützlichen Schutz vor hungrigen Zähnen. Aber mit fellloser Menschenhaut vertrugen sie sich wirklich nicht gut. Sie würden den schmalen Pfad, den Emma sich zwischen den Büschen und Bäumen getrampelt hatte, in null Komma nichts zuwuchern.
Die Ranke hatte sich wirklich sehr beharrlich in den Stoff von Emmas Regenjacke gekrallt, und sie leckte sich gerade leise fluchend die zerstochenen Finger, als etwas mit lautem Summen dicht an ihr vorbeischwirrte. Etwas pelzig Geflügeltes. Im ersten Augenblick hielt Emma es für eine Hummel, die der Regen in ihren Bau trieb. Aber dann ... Ja, dann ...
Zwei dunkle Augen erwiderten entgeistert ihren Blick. Die Hummel hatte ein Gesicht. Unmöglich. Das winzige Geschöpf schoss auf die alte Eiche zu, unter der Emma oft mit Mams picknickte, wenn sie beide Mädchenzeit brauchten. Bei drei Männern in der Familie war das bisweilen dringend nötig, und Mams liebte es ebenso wie Emma, draußen zu sein.
„Ich geh mal raus zu den Lichtessern“, sagte sie oft. Womit sie natürlich Pflanzen meinte. Manchmal nannte sie sie auch ihre fußlosen Freunde mit Wurzeln.
Der Stamm der Eiche war dicht von Efeu überwachsen, und die Hummel mit dem Gesicht verschwand zwischen den dunkelgrünen Blättern, bevor Emma einen genaueren Blick auf sie werfen konnte. In ihrer Hast, sie noch einzuholen, stolperte sie über die eigenen Füße und landete auf allen vieren auf der regenfeuchten Erde.
„Das war kein Gesicht, Emma !“, sagte sie laut, während sie auf die Füße kam und sich den Matsch von den Händen wischte. „Es war irgendein Tarnmuster. So wie Motten sie auf den Flügeln haben, um Vögel zu täuschen.“
So laut ausgesprochen klang es fast wie die Wahrheit. Emma glaubte nicht an Feen, Elfen und all die anderen Geschöpfe, von denen Märchen erzählen. Sie glaubte an Bienen, Hirschkäfer, Schnecken und Schmetterlinge. Wozu Geschöpfe erfinden, die Menschen ähneln, wenn es so viele andere, wesentlich aufregendere Geschöpfe gab? Aber sie hatte das kleine Gesicht wirklich deutlich gesehen. Und den Schreck in den dunklen Augen.
‘Emma glaubt nicht an Feen’ kam zu mir, als ich überlegte, wie ich meine Leser wieder neugieriger auf die wilde natürliche Welt machen könnte. Wie sollen sie beschützen wollen, was sie nicht kennen? Wir verlieren gerade jeden Tag Pflanzen und Tiere, deren Namen wir nicht kennen. Wir merken in unseren Städten nicht, dass es immer weniger Schmetterlinge gibt, immer weniger wilde Blumen, immer weniger von allem, was nicht menschengemacht ist. Ich gehöre selbst zu denen, die das Alphabet der Welt verlernt haben. Welcher Baum ist das? Welcher Vogel singt da? So oft weiß ich die Antwort nicht. In “Emma glaubt nicht an Feen’ bin ich auf die Reise gegangen, zusammen mit Emma. Ich habe mich klein gemacht, wie es ihr in dem Buch passiert, um Brombeeren, Brennnesseln und Goldammern mit anderen Augen zu sehen. Ich habe diese Reise so sehr geliebt, dass ich es nicht erwarten kann, erneut mit Emma auf die Reise zu gehen, mehr über die Welt zu erfahren, die sie entdeckt und über all das, was wir gerade verlieren. Vielleicht können wir doch noch einges retten? So wie Taraxo, Campa und Cardo es tun, die Feen, die Emma helfen, wieder nach Hause zu finden?