Wenn’s nur öfter Mittwoch wär. Die Nacht, in der das Licht verschwand

Geschrieben von André Hinsenhofe

Vorwort

Liebe Cornelia-Funke-Crew, mein Name ist André, und ich schreibe gerade an einer Kindergeschichte über ein Mädchen namens Klara, das mittwochs in ihre Fantasiewelt unter dem Hochbett reist. Dort begegnet sie den Drachenpelzlern – pelzigen Traumwesen, mit denen sie heimlich über ihre Stadt wacht, während die Erwachsenen schlafen. Die Geschichte richtet sich an Kinder zwischen 6 und 9 Jahren und erzählt von Mut, Vertrauen und der Magie der Vorstellungskraft. Sie ist aber auch eine kleine Gegenbewegung zu unserer heutigen, oft lauten Welt: einer Zeit, in der Kinder von Terminen, Bildschirmen und Reizen umgeben sind – und kaum noch Momente finden, in denen echte Langeweile entsteht. Gerade diese stillen Momente, in denen nichts passiert, sind doch oft die, in denen Fantasie wächst. Klara entdeckt genau das – sie findet in ihrer Traumwelt zurück zu Ruhe, Staunen und Kreativität. Ich würde mich sehr freuen, wenn ihr einen Blick auf meine Geschichte werft oder mir ein kurzes Feedback gebt. Vielleicht passt sie ja sogar in eure Geschichtenecke.
Mit herzlichen Grüßen aus Haltern am See

Mensch, Klara

„Mensch, Klara – jetzt trödel nicht schon wieder!“, ruft meine Mama.

Sie steht vorm Schultor, einen Arm in die Luft gestreckt, das Handy am Ohr. Ich seh sie schon von Weitem. Ihre Lippen bewegen sich schnell, als wollten sie lauter Dinge auf einmal sagen. Sie trägt ihren grauen Hosenanzug. Den hat sie immer an, wenn sie zur Arbeit muss. Ich glaube, sie hat zehn davon. Oder er sieht einfach jeden Tag gleich aus.

Wenn Mama den Hosenanzug trägt, läuft sie so schnell, als hätte sie einen unsichtbaren Umhang. Nur flattert da nix – außer ihre Zettel. Und ich schwöre, manchmal sieht’s aus, als würde sie gleich abheben.

Ich bleibe auf der Mauer sitzen. Ganz kurz nur.

Da war nämlich diese Ameise.

Sie war so winzig, dass ich sie fast übersehen hätte. Aber dann hab ich gesehen, dass sie ein Bröselchen schleppt – ganz allein! Es war fast so groß wie sie selbst. Und sie hat’s einfach mitgenommen. Vielleicht bringt sie’s nach Hause – zu ihren Kindern. Vielleicht backen sie damit Kuchen in ihrer kleinen Küche unter der Erde.

Ich mag Ameisen. Die haben immer was zu tun, aber sie wirken nicht gestresst dabei. Ich glaube, sie reden auch nicht ständig über Termine wie Mama.

Ich stell mir vor, wie die Ameise die Tür zu ihrem Häuschen aufmacht – winzig, rund, aus einem Stück Nussschale – und alle Ameisenkinder rufen „Mamaaa, du bist zurück!“ Dann hüpfen sie auf und ab und schnuppern an dem Brösel wie an einem Schatz. Vielleicht zünden sie sogar ein Mini-Teelicht an und feiern Ameisenkuchenfest.

Ich kicher leise.

Wenn ich eine Ameise wäre, würde ich wahrscheinlich den ganzen Tag unterwegs sein. Aber nicht, um was zu schaffen – nur, um zu gucken, was es hinter dem nächsten Grashalm so gibt.
„Klara! Jetzt komm endlich!“, ruft Mama. Sie schaut streng.

Ich rutsche von der Mauer und laufe los. Nicht zu schnell. Ich will der Ameise den Brösel nicht klauen. Den hat sie sich echt verdient.

Die da, die gerade losläuft – das bin ich. Klara.

Ich bin sechs. Ich hab rötlich-blondes Haar, das in der Sonne glitzert wie ein Goldfisch. Papa sagt, mein Gesicht ist voller kleiner Sterne. Ich sag: Das sind Sommersprossen. Die gehören zu mir wie mein Kuschelkissen und mein Hochbett.

Ich bin nicht groß, eher klein. Aber das ist egal. Ich bin trotzdem stark. Und mutig. Und manchmal ganz schön schlau. Sagt sogar Frau Knopf aus der Schule.

Ich laufe also hinter Mama her. Sie redet immer noch ins Telefon. Ich glaube, sie hat gar nicht gemerkt, dass ich schon da bin.

So ist es fast jeden Tag. Mama ist in Eile – und ich mittendrin.

Mama kommt zu spät zur Schule, weil sie irgendwo festhing. Und dann sagt sie, wir sind zu spät, weil ich getrödelt hab. Dabei hab ich bloß kurz geträumt. Vielleicht eine Minute. Höchstens zwei. Okay... vielleicht fünf.

Aber das versteht keiner.

Alle sagen immer: „Beeil dich!“, „Los jetzt!“, „Mach schneller!“ – als ob ich eine Rakete wäre. Aber ich will keine Rakete sein. Ich will ein Kind sein. Mit Zeit. Mit Träumen. Und vielleicht mit einem Brösel in der Hand.

Im Auto schnallt Mama mich schnell an. Klick. Schon sitzt der Gurt.

Sie streicht mir kurz über den Kopf – ganz sanft, fast so, als hätte sie’s fast vergessen und sich im letzten Moment noch erinnert. Dann startet sie den Motor.

„Na, wie war’s in der Schule?“, fragt sie.

Ich gucke sie an, aber sie schaut schon auf die Straße. Nicht böse. Nur müde. Als wäre ihr Kopf ganz voll mit Dingen, die sie noch machen muss.

„Ganz normal“, sag ich.

Das sag ich fast immer. Mama hört zwar zu – aber irgendwie nur mit einem halben Ohr. Der andere Teil von ihr ist schon wieder bei E-Mails, dem Kalender und diesem Termin, der immer so wichtig ist.

Dann atmet sie tief ein. Und es geht los:

„Also. Heute ist Montag – da ist Musikschule. Morgen, also Dienstag, hast du Turnen. Mittwoch ist mal nix – puh! Donnerstag dann Schwimmen, und am Freitag bist du bei Nele zum Spielen verabredet. Das hatten wir doch so abgesprochen, oder?“

Ich nicke. Ganz langsam.

Ich glaube, Mama meint das alles gut. Sie will, dass ich viel lerne, viel sehe, viel kann. Vielleicht denkt sie, das muss so. Vielleicht glaubt sie, dass man so ein glückliches Kind wird.

Aber ich?

Ich sitze da und starre aus dem Fenster. Die Bäume flitzen vorbei, und ich stelle mir vor, wie ich ganz oben auf einem Ast sitze. Hoch über der Straße. Und niemand weiß, dass ich da bin. Nicht mal Mama.

Wenn sie redet, wird mein Kopf laut – wie ein Radio, das alle Sender auf einmal spielt. Dann fliehen meine Gedanken in alle Richtungen.

Aber an einem Tag in der Woche – da bestimme ich.

Mittwoch.

Mein Lieblingstag. Mein Freiraum.

Da hab ich keinen Kurs, keine Verabredung, kein gar nichts. Nur mich. Und mein Zimmer. Und mein Hochbett mit der Höhle darunter.

Da darf ich meine Decken aufhängen, meine Kissen stapeln, meine Taschenlampe anschalten und so tun, als wäre ich irgendwo ganz anders.

Auf einem Piratenschiff. Oder auf dem Mond. Oder im Kicherwald, wo die Bäume flüstern und die Tiere sprechen – oder eben bei den Drachenpelzlern.

Ich liebe den Mittwoch.

Er ist wie eine kleine Pause in einem Lied, das sonst viel zu schnell spielt.

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