Die Schattenschwestern
Geschrieben von L. Night
Kapitel 1
Zwei starke Schwestern.
Ein unaufhaltsames Team.
Und eine Chance für die Welt, die sie jagt.
Fahrtwind peitschte mir ins Gesicht und ließ meine Wangen brennen, auch wenn die Schutzbrille am Helm das Schlimmste abfing. Ich drehte den Gasgriff weiter. Der Motor heulte auf. Die Autobahn raste unter uns hinweg, während ich Ivara in wenigen Sekunden überholte. Ihr langes, blondes Haar flatterte unter dem schwarzen Helm wie eine Fahne im Sturm. Wir schlängelten uns waghalsig durch die stinkenden Autoreihen, vorbei an hupenden Fahrern und vibrierenden Motorhauben. Ich riskierte einen Blick über die Schulter und mein Herz setzte für einen Moment aus. Der schwarze Wagen schob sich bedrohlich näher, als wolle er uns gleich von der Spur fegen.
Schnell.
Zu schnell.
Vielleicht war es doch keine gute Idee gewesen, bei Veonora einzubrechen. Die junge Baroness scheute nicht davor zurück, die Verfolgung persönlich aufzunehmen.
„Ivara. Wir haben Gesellschaft“, knurrte ich ins Funkgerät.
Der Fahrtwind riss mir fast die Worte vom Mund, meine Stimme vibrierte vor Adrenalin.
„Der schwarze Wagen. Er war direkt hinter uns.“
Ein kurzes Knistern.
Dann Ivaras Antwort, scharf wie ein Messer: „Ich übernehme.“
Sie zog vor, schoss an mir vorbei wie ein Pfeil. Ihr Motorrad kippte leicht nach links, dann nach rechts, als würde sie die Luft selbst schneiden. Ich hielt mich dicht hinter ihr, während sie die Spur wechselte - einmal, zweimal … und dann plötzlich ganz nach außen zog.
„Ivara, was...?“
Zu spät.
Sie riss den Lenker herum. Ein hupender Lieferwagen schoss an uns vorbei, so nah, dass ich die vibrierende Metallwand spürte. Hinter uns quietschten Reifen, ein Auto brach aus, ein anderer Fahrer brüllte etwas Unverständliches. Ein weiterer Wagen scherte aus und verfehlte mich nur um Zentimeter. Wir waren mitten im Chaos.
Ivara nutzte die Lücke, die nur eine Wahnsinnige sehen konnte.
„Halt dich dran, Schwesterherz!“
Sie brach aus der Spur aus, über den Seitenstreifen, über Schotter, über alles, was nicht dafür gedacht war, befahren zu werden. Funken sprühten, als ihre Fußrasten die Leitplanke streiften. Ich folgte ihr blind, weil ich keine Wahl hatte. Der schwarze Wagen hinter uns tat dasselbe. Er krachte durch die Lücke, die wir hinterlassen hatten, rammte fast den Lieferwagen, schlingerte und fing sich wieder.
Verdammt.
Ivara beschleunigte weiter. Vor uns endete die Leitplanke. Dahinter lag ein Abhang, dicht bewachsener Wald, dunkle Schatten zwischen den Stämmen.
„Ivara! Das war keine Ausfahrt!“
„War nie eine geplant!“
Sie hob leicht aus dem Sattel, zog das Motorrad hoch … und sprang.
Für einen Herzschlag flogen wir.
Dann schlug das Vorderrad in weichen Waldboden ein, federt tief ein, Schlamm spritzte. Ich landete einen Moment später, fast seitlich, fing die Maschine gerade noch ab. Äste peitschten gegen meinen Helm, der Motor brüllte, als würde er protestieren. Hinter uns ertönte ein metallisches Kreischen. Der schwarze Wagen versuchte ebenfalls, den Abhang zu nehmen. Und er schaffte es.
„Weiter!“, rief Ivara. „Der Wald war eng. Vielleicht konnten wir ihn abhängen.“
Vielleicht.
Oder er würde uns einfach über den Haufen fahren.
Ich beugte mich tiefer über den Lenker und folgte ihr zwischen die dunklen Bäume. Äste schlugen mir hart ins Gesicht, das Motorrad holperte über den Waldboden und eine Millionen Vögel flohen vor dem Lärm aus den Baumkronen. Eine dornige Ranke verfing sich in kurz in meiner Lederjacke und riss ab.
Schattenflecken tanzten über das Moos. Als Ivara über eine umgestürzter Eiche bretterte, geriet sie ins Straucheln und drosselte ihr Tempo. Ich ließ ebenfalls von dem Gaspedal ab, brachte die Maschine zum Stehen und stemmte meine schweren Boots links und rechts in den aufgeweichten Erdboden.
„Mann, das war knapp“, keuchte ich. „Beinahe wären wir draufgegangen!“
Der Schreck saß mir immer noch in allen Gliedern.
Ivara winkte ab, nahm den Helm ab und schüttelte ihr Haar aus. Die Schutzbrille hatte rote Abdrücke auf ihrer Haut hinterlassen.
„Ach, Quatsch. Ich hatte doch alles unter Kontrolle.“
Ich runzelte die Stirn. Meine Schwester hatte schon oft Dinge gemacht, die so verrückt waren… Dinge, die man besser totschwieg… aber war diese Sache nicht etwas zu leichtfertig von ihr? Dann merkte ich, dass ihr Gesicht seltsam bleich war und ihre grünen Augen waren unmerklich geweitet. Ich klappte den Mund zu und begriff, falschgelegen zu haben. Es hatte meine Schwester doch härter getroffen, als sie zugab.
„Haben wir Veonora abgehängt?“, fragte sie.
In dem Moment hörten wir, wie ein Automotor in der Ferne aufbrüllte. Zweige brachen, Kleingetier floh erneut in alle Richtungen und Scheinwerfer tasteten sich wie durch das dämmerige Waldlicht. Anscheinend bahnte die Baroness sich gerade mit vollem Karacho einen Weg durch die Natur. Ich seufzte entnervt.
„Weiter. Wir müssen sie irgendwie abhängen und es dann ins Quartier schaffen!“
Ivara setzte sich den Helm wieder auf, schwang sich widerspruchslos auf ihr Motorrad. Schon ging es weiter. Während wir durch den Wald rasten, ging ich die Route zum Hauptquartier im Kopf durch. Der Wald war nicht allzu groß und es gab sicher mehr als eine Abkürzung. Plötzlich krachte ein Schuss hinter uns.
„Sie schießt!“, rief ich erschrocken. „Und das am helllichten Tag!“
In der Funkverbindung konnte ich hören, wie Ivara ein übermütiges Lachen von sich gab.
Mann, das Buch muss echt wertvoll sein!“
„Das ist nicht lustig“, fuhr ich sie an und konzentrierte mich auf den holprigen Pfad, über den wir rasten.
„Was sollen wir jetzt tun?“
Ein weiterer Schuss zerriss die Stille, die wir hinter uns ließen.
„Zurückschießen, was sonst?“, erwiderte meine Schwester ruhig.
Sie schwang in der Fahrt ihr Bein über den Motorradsitz und schob sich unter akrobatischen Verrenkungen so zurecht, dass sie mit dem Rücken zur Fahrtrichtung saß. Dabei hielt ihre Maschine das mörderische Tempo bei. Ich traute meinen Augen kaum.
„Ivara…!“ Meine Stimme brach vor Wut und Angst ab.
„Keine Bange, alles unter Kontrolle“, beruhigte sie mich.
Ihr Motorrad schlenkerte und machte einen kleinen Hüpfer über eine Wurzel. Ivara krallte sich mit den Händen hinter sich fest.
„Hoppla.“
Mein Herz setzte kurz aus.
Ich überlegte ernsthaft, einfach anzuhalten und die Polizei zu rufen, um meiner durchgeknallten Schwester den Hals zu retten. Doch dafür musste ich den richtigen Moment abpassen, um nicht versehentlich mit Vollgas gegen einen der Bäume zu fahren. Ein Wunder, wie Ivara das schaffte...
Hinter uns erklang der Lärm des Autos. Das war nicht gut, gar nicht gut. Aus dem Augenwinkel beobachtete ich, wie Ivara sich an der Klappe am Sitzpolster mit Stauraum zu schaffen machte. Kurz darauf sah ich, wie sie die Pistole herauskramte und auf den schwarzen Wagen richtete.
„Geladen?“, fragte ich.
„Jep.“
Ich seufzte und rückte mich auf meinem Sitz zurecht. Der Wald lichtete sich allmählich.
„Bring sie aber bitte nicht um.“
Ein dritter Schuss krachte durch die Nacht, diesmal so nah, dass die Luft neben meinem Ohr vibrierte.
Ich duckte mich reflexartig, obwohl das natürlich nichts brachte, außer dass ich fast gegen einen Baum fuhr.
„Ivara!“, fauchte ich.
„Ich hab’s gesehen“, knurrte sie zurück.
Ihre Stimme war jetzt nicht mehr übermütig. Sie war konzentriert. Gefährlich konzentriert. Der Wald lichtete sich weiter, die Bäume standen nicht mehr so dicht. Zwischen den Stämmen glitzerte etwas Silbernes. Metall? Ein Zaun?
„Links!“, rief ich.
Zu spät.
Der schwarze Wagen brach durch das Unterholz, riss Büsche mit sich, die Scheinwerfer zuckten wie wütende Augenpaare. Er war näher, als ich dachte. Viel näher. Die Fahrerin - Veonora selbst, wenn ich richtig lag - schien keinerlei Angst zu kennen. Oder sie war einfach wahnsinnig.
Ivara hob die Pistole, zielte, schoss. Der Knall riss durch den Wald wie ein Donnerschlag. Der Wagen zuckte zur Seite, ein Scheinwerfer explodierte in einem Funkenregen. Doch er hielt Kurs.
Unfassbar.
„Shit!“, rief Ivara. „Sie fährt weiter!“
„Natürlich fährt sie weiter! Sie ist eine Baroness, keine Büroangestellte!“
„Ich meinte: Sie fährt auf uns drauf!“
Ich riskierte einen Blick über die Schulter. Der Wagen beschleunigte. Er wollte uns rammen. Im Wald. Zwischen Bäumen. Das war nicht mehr Verfolgung — das war Mordversuch. Meine Gedanken kreisten, während ich verzweifelt nach einer Lösung suchte. Unser Tempo war zu schnell, um in die Reifen des Wagens zu schießen und bei dem Versuch wäre das Risiko zu hoch, Veonora zu töten. Oder umgekehrt.
„Wir müssen raus hier!“, rief ich.
„Da vorne!“, schrie Ivara plötzlich.
Ich sah es im selben Moment: Eine Schneise. Kein offizieller Weg, aber breit genug für zwei Motorräder. Und vielleicht zu eng für ein Auto.
Vielleicht.
Wir rasten hinein. Äste peitschten uns entgegen, der Boden war uneben, voller Wurzeln und Steine. Mein Motorrad sprang, landete hart, sprang wieder. Ich spürte jeden Schlag bis in die Wirbelsäule. Hinter uns krachte der Wagen gegen einen Baum. Holz splitterte. Metall kreischte. Doch der Motor brüllte weiter.
„Sie gibt nicht auf!“, keuchte ich.
„Dann müssen wir sie zwingen.“
Ivara drehte sich halb um, hob die Pistole erneut - doch diesmal zielte sie nicht auf den Wagen. Sie zielte auf einen Baum.
„Ivara, nein-!“
Zu spät.
Der Schuss traf den Stamm. Ein lautes Knacken. Der Baum schwankte, ächzte, kippte. Direkt in die Schneise. Ich riss den Lenker herum, schaffte es gerade so, auszuweichen. Erde spritzte, mein Hinterrad brach kurz aus. Ivara schaffte es ebenfalls - knapp. Der Baum krachte hinter uns zu Boden. Der schwarze Wagen hatte keine Chance. Ein ohrenbetäubendes Krachen. Metall verzog sich, Glas splitterte, der Motor heulte auf wie ein sterbendes Tier.
Dann Stille.
Nur das Knacken von Ästen, die sich unter dem Gewicht des zerstörten Fahrzeugs bogen. Ich bremste ab. Mein Herz raste. Meine Hände zitterten. Ivara hielt neben mir an, atmete schwer. Sie nahm den Helm ab. Ihr Gesicht war schweißnass, ihre Augen weit, aber klar.
„Das…“, keuchte sie, „…war knapp.“
Ich nickte nur. Worte waren gerade zu schwer.
Dann hörten wir es.
Ein leises Klicken.
Ein metallisches Geräusch.
Hinter uns.
Ich drehte mich langsam um.
Zwischen den zerbrochenen Ästen des umgestürzten Baumes bewegte sich etwas. Eine Tür wurde aufgestoßen. Eine Silhouette stieg aus dem zerstörten Wagen. Langsam. Bedrohlich ruhig.
Veonora.
Ihr weißes Haar war zerzaust, ihr Gesicht blutverschmiert, aber ihre Haltung war aufrecht. Und in ihrer Hand glitzerte etwas. Eine Waffe.
„Ivara…“, flüsterte ich.
„Ich seh’s.“
Veonora hob die Pistole. Ihre Stimme war ruhig, eiskalt.
„Gebt mir das Buch. Jetzt.“
Wir rührten uns nicht und starrten sie lediglich an. Der Mond spiegelte sich in der Blutspur an ihrer Schläfe. Sie sah aus wie jemand, der trotz allem noch gewinnen wollte.
„Gebt mir das Buch“, sagte sie leise. „Ihr versteht nicht, was ihr da...“
Ein kurzer, scharfer Pfiff durchschnitt die Luft. Nicht aus dem Wald. Von oben.
Ich riss den Kopf hoch. Ein rotes Laserziel wanderte über Veonoras Schulter. Dann ein zweites. Dann ein drittes.
„Runter!“, rief eine Stimme über unser Funkgerät - eine Stimme, die ich sofort erkannte.
„Das ist...“, begann ich.
„Ja“, sagte Ivara. „Das ist unser Clan.“
Ein dumpfer Schlag ertönte. Irgendwo über uns aktivierte sich ein Rotor. Ein dunkler Schatten senkte sich zwischen die Baumkronen - ein kleiner, getarnter
Transporter, kaum größer als ein Lieferwagen, aber mit seitlichen Schienen für Abseilseile. Drei Gestalten glitten lautlos herab. Schwarze taktische Kleidung, Helme mit getönten Visieren, moderne Ausrüstung. Die erste landete direkt zwischen uns und Veonora, rollte ab, richtete sich auf und hob eine kompakte Maschinenpistole.
„Waffen runter!“, rief sie.
Ich erkannte die Stimme sofort.
„Noosra!“, keuchte ich.
Sie klappte das Visier hoch. Ihr Blick war scharf, fokussiert, aber ich sah die Erleichterung darin.
„Ihr zwei seid echt ein Problemfall“, sagte sie. „Wir haben euch seit der Autobahn auf dem Tracker.“
„Ihr habt uns getrackt?“, fragte Ivara.
„Natürlich haben wir euch getrackt. Ihr seid abgehauen wie zwei Bekloppte.“
Die zweite Gestalt landete neben ihr - Zaz, mit einer Schulterkamera und einem Tablet, das die Umgebung scannte.
„Zwei Minuten, bis Verstärkung der Baroness eintrifft“, meldete sie. „Wir müssen weg.“
Die dritte Person landete hinter Veonora. Er war groß und breit. Mit einer Schrotflinte, die er nicht einmal heben musste - seine Präsenz allein reichte.
Shakr.
Er sagte nichts. Er sah Veonora nur an. Und sie wich tatsächlich einen Schritt zurück.
„Ihr seid lächerlich gut organisiert“, murmelte sie verärgert.
„Wir sind vorbereitet“, antwortete Noosra. „Im Gegensatz zu dir.“
Veonora hob langsam die Hände. Ihr Blick blieb jedoch hart.
„Ihr macht einen Fehler“, sagte sie. „Dieses Buch...“
„...geht uns sehr wohl etwas an“, unterbrach Noosra. „Und jetzt dreh dich um.“
Veonora tat es nicht.
Sie lächelte.
„Ihr habt keine Ahnung, was ihr da beschützt.“
Shakr trat einen Schritt vor. „Wir wissen genug.“
„Ihr wisst gar nichts.“
Dann hörten wir Motorengeräusche. Mehrere. Schnell näherkommend. Zaz sah auf ihr Tablet.
„Drei Fahrzeuge. Schwer. Keine Chance, sie auszubremsen.“
Noosra nickte knapp. „Plan B.“
Sie deutete nach oben. Das Seil wurde wieder herabgelassen.
„Rauf mit euch!“, befahl sie.
Ivara und ich packten zu. Die Seile zogen uns hoch, während Noosra, Zaz und Shakr sich rückwärts zurückzogen, die Waffen auf Veonora gerichtet. Veonora stand still. Ihre Augen folgten uns… Ich fröstelte. Dieses kalte, berechnende Funkeln.
Als wir im Transporter ankamen, schloss sich die Luke. Der Rotor heulte auf. Wir stiegen. Unter uns verschwanden die Bäume. Die Scheinwerfer der ankommenden Fahrzeuge brachen durch das Unterholz. Veonora wurde kleiner. Aber ihr Blick blieb in meinem Kopf.
„Das ist nicht vorbei“, murmelte ich.
Ivara schnallte sich an, atmete tief durch und sah mich an.
„War es bei uns jemals vorbei?“
Ich schüttelte den Kopf.
„Nie.“
Der Transporter setzte hart auf. Die Stoßdämpfer quietschten, Metall vibrierte, dann kam das Fahrzeug mit einem letzten Ruck zum Stillstand. Die hintere Luke öffnete sich, kaltes Neonlicht flutete den Innenraum. Ich blinzelte. Der Kontrast zum dunklen Wald war brutal.
„Raus“, sagte Noosra knapp und sprang als Erste hinaus. Wir folgten ihr in einen breiten, unterirdischen Hangar. Betonwände, Stahlträger, Kabelstränge an der Decke. Alles roch nach Öl, Metall und ozoniger Elektronik. Ein paar Clanmitglieder standen bereit, einige mit Tablets, andere mit Waffen, wieder andere in
ziviler Kleidung, aber mit derselben wachen Körperspannung. Das war unser Geheimquartier. Nicht gerade sehr hübsch oder gemütlich. Aber immerhin sicher. Zumindest meistens. Ivara riss sich den Helm vom Kopf und schüttelte ihr Haar aus.
„Ich schwöre, ich brauch ’nen Drink.“
„Du brauchst ’ne Gehirnzelle mehr“, murmelte Noosra, während sie ihr Visier hochklappte.
„Ihr zwei habt die halbe Stadt in Alarmbereitschaft versetzt.“
„War nicht unsere Absicht“, sagte ich.
„War trotzdem passiert.“
Shakr kam hinter uns her, die Schrotflinte locker geschultert. Er sagte wie üblich kein Wort. Zaz tippte auf ihrem Tablet herum.
„Die Baroness hat mindestens drei Teams nach euch ausgeschickt. Wir haben sie abgehängt, aber das hält nicht lange.“
„Sie will das Buch“, sagte ich.
„Ja“, antwortete Noosra. „Und das macht mir Sorgen.“
Wir gingen weiter durch den Hangar, vorbei an Werkbänken, Monitoren, einer Reihe Motorräder, die gerade gewartet wurden. Ein paar Clanmitglieder warfen uns Blicke zu - manche erleichtert, manche genervt, manche neugierig. Wir waren ein Chaosfaktor. Das wussten alle. Noosra führte uns in einen Nebenraum.
Tür zu, automatisches Schloss, gedämpftes Licht. Ein Besprechungsraum.
„Setzt euch“, sagte sie.
Ivara ließ sich in einen Stuhl fallen, als wäre sie gerade drei Marathons gelaufen. Sie öffnete den kleinen Servierkühlschrank neben dem Tisch und nahm sich eine Cola. Ich blieb stehen. Meine Hände zitterten immer noch leicht. Noosra verschränkte die Arme.
„Also. Das Buch.“
Ich zog es aus meiner Jacke. Der Einband war alt, aber nicht brüchig. Schwer. Kalt. Als hätte es eine eigene Temperatur. Noosras Blick verhärtete sich.
„Das Ding ist älter als alles, was Veonora besitzt. Und sie jagt euch persönlich deswegen? Das ist … ungewöhnlich.“
„Sie hat uns fast überfahren“, sagte ich.
„Sie hat auf uns geschossen“, ergänzte Ivara.
„Sie hat einen verdammten Abhang mit einem Auto genommen“, fügte ich hinzu.
Noosra pfiff leise.
„Okay. Das ist… mehr als üblich.“
Zaz hob den Kopf vom Tablet. „Ich hab die ersten Scans durchlaufen lassen. Das Buch hat eine Signatur.“
„Eine was?“, fragte Ivara.
„Eine Energiequelle. Schwach, aber eindeutig nicht natürlich.“
Ich spürte, wie mir ein kalter Schauer über den Rücken lief.
„Was heißt das?“, fragte ich.
„Dass es nicht nur ein Buch ist“, sagte Zaz. „Und dass Veonora wahrscheinlich nicht die Einzige ist, die es will.“
Ivara lehnte sich zurück, verschränkte die Arme hinter dem Kopf und versuchte, lässig zu wirken.
„Na super. Noch mehr Leute, die uns umbringen wollen.“
„Nicht nur euch“, korrigierte Noosra. „Uns alle.“
Schweigen trat ein. Dann sah ich jemanden an der Glastür stehen. Es war eine Frau. Dunkler Anzug. Glatte Haare. Kalter Blick. Die Art von Person, die man nicht schreien hört, weil sie nie schreien muss. Die Leiterin unseres Clans. Sie warf einen kurzen Blick hinein und entdeckte das Buch. Und zum ersten Mal seit langer Zeit sah ich etwas in ihren Augen, das ich nicht deuten konnte. War es Furcht? Oder Vorfreude? Schon ging sie weiter, doch ich wusste, sie würde gleich wiederkommen.
Noosra und Zaz diskutierten leise über Sicherheitsprotokolle, Shakr stand wie eine Wand vor der Tür. Für einen Moment hatten wir eine winzige Insel aus Stille. Ivara ließ sich tiefer in den Stuhl sinken, aber diesmal ohne Sprüche. Ihre Schultern waren angespannt, ihr Atem flach. Ich kannte sie gut genug, um zu sehen, dass sie noch immer vibrierte - nicht vor Adrenalin, sondern vor dem Nachhall der Angst, die sie nie zugeben würde. Ich setzte mich neben sie.
„Hey“, sagte ich leise.
Sie reagierte nicht sofort. Ihre Finger trommelten nervös auf der halbleeren Coladose, ein unruhiger Rhythmus, der nicht zu ihr passte.
„Du hast uns fast umgebracht“, sagte ich schließlich.
Sie schnaubte und stellte die Dose etwas zu abrupt ab. Es spritzte auf und eine dunkle Pfütze schimmerte auf dem Tisch.
„Ich hab uns gerettet.“
„Du hast uns beides beschert.“
Ein schwaches Grinsen huschte über ihr Gesicht, aber es erreichte ihre Augen nicht. Ich sah, wie sie schluckte. Wie sie kurz wegblinzelte. Wie sie versuchte, die Fassade zu halten.
„Ivara“, sagte ich leiser. „Du hast gezittert.“
Sie erstarrte. Dann drehte sie den Kopf weg.
„War kalt.“
„Es waren zwanzig Grad.“
„Dann war’s der Fahrtwind.“
„Wir waren im Wald.“
„Dann...“
Sie brach ab. Ihre Stimme riss.
Ich legte meine Hand auf ihren Unterarm. Sie zuckte nicht zurück. Das allein sagte genug.
„Du musst nicht immer die Starke sein“, sagte ich.
„Doch“, flüsterte sie. „Wenn ich’s nicht bin, wer dann?“
„Ich“, antwortete ich sofort.
Sie sah mich an. Endlich. Und in ihren Augen lag etwas, das sie sonst gut versteckte: Erschöpfung, Verletzlichkeit … und ein Funken Angst.
„Ich dachte…“, begann sie. „Als der Wagen den Abhang runterkam… ich dachte, das war’s.“
„Ich auch.“
„Aber ich konnte nicht … ich konnte dich nicht...“
„Ich weiß.“
Sie atmete scharf ein, als hätte sie das nicht erwartet. Dann lachte sie leise unsicher.
„Wir sind echt ein Desaster.“
„Ein funktionierendes Desaster.“
„Mit Stil.“
„Mit sehr viel Stil.“
Sie stieß mich mit der Schulter an. Ich stieß zurück und wir grinsten.
Für einen Moment war alles ruhig. Dann öffnete sich die Tür und die Temperatur im Raum schien um ein paar Grad zu fallen. Unsere Clanleiterin trat ein. Schwarzer Hosenanzug, makellos. Keine Waffe sichtbar, aber jeder im Raum wusste, dass sie keine brauchte. Ihre Präsenz allein reichte, um Gespräche zu ersticken. Noosra richtete sich sofort auf. Zaz senkte den Blick. Selbst Shakr straffte die Schultern. Ich spürte, wie Ivara neben mir unbewusst den Atem anhielt.
„Ihr habt mir etwas zu zeigen“, sagte die Leiterin ruhig.
Ich reichte ihr das Buch.
Sie nahm es nicht sofort. Sie betrachtete es, als würde sie prüfen, ob es sie anlügt. Dann griff sie zu. Vorsichtig, aber ohne Zögern. Ihre Finger glitten über den Einband, als würde sie eine alte Narbe berühren.
„Wo habt ihr es gefunden?“, fragte sie.
„Bei Veonora“, antwortete ich. „In ihrem Anwesen.“
„Sie hat uns persönlich verfolgt“, fügte Ivara hinzu. „Mit einem Auto. Durch den Wald. Und sie hat geschossen.“
Die Leiterin nickte kaum merklich. „Das klingt nach ihr.“
Ich runzelte die Stirn.
„Sie wusste, dass wir kommen?“
„Nein“, sagte die Leiterin. „Aber sie wusste, dass jemand kommen würde.“
Sie schlug das Buch auf. Ein schwacher, kaum sichtbarer Schimmer glitt über die Seiten. Wie ein Echo von etwas, das längst vergangen war - oder noch nicht begonnen hatte. Die Leiterin atmete leise aus. Fast unhörbar.
„Ich habe gehofft, es wäre ein Gerücht“, murmelte sie.
Noosra trat einen Schritt vor. „Was ist das?“
Die Leiterin schloss das Buch wieder. Ihre Finger lagen fest darauf, als müsste sie verhindern, dass es entkommt.
„Etwas, das nie hätte auftauchen dürfen.“
Ivara verschränkte die Arme. „Das ist keine Antwort.“
„Doch“, sagte die Leiterin. „Eine sehr deutliche.“
Sie hob den Blick. Ihre Augen waren dunkel, scharf, voller Berechnung, aber dahinter lag etwas anderes. Etwas, das ich selten bei ihr gesehen hatte. Furcht.
„Dieses Buch“, sagte sie langsam, „ist ein Schlüssel.“
„Wozu?“, fragte ich.
Sie sah mich an. Direkt und durchdringend.
„Zu etwas, das Veonora nicht besitzen darf. Und ihr auch nicht.“
Ivara richtete sich auf. „Moment mal...“
„Ihr habt gute Arbeit geleistet“, unterbrach die Leiterin. „Aber ab hier übernehme ich.“
Ich spürte, wie sich mein Magen zusammenzog. „Was heißt das?“
„Das heißt“, sagte sie ruhig, „dass ihr beide ab sofort unter Beobachtung steht.“
Stille.
Schwer und eiskalt.
Ivara sprang auf.
Ihre grünen Augen sprühten wütend Funken.
„Was soll das heißen?! Wir haben unser Leben riskiert!“
„Genau deshalb“, sagte die Leiterin, „seid ihr jetzt ein Risiko.“
Ich stand ebenfalls auf. „Wir haben das Buch gefunden. Wir haben es hergebracht. Wir...“
„...habt Veonora alarmiert“, sagte die Leiterin. „Und damit jeden anderen, der nach diesem Buch sucht.“
Sie legte das Buch auf den Tisch. Der Klang war dumpf, endgültig.
„Ihr habt etwas in Bewegung gesetzt, das wir nicht mehr aufhalten können.“
Ivara ballte die Fäuste. „Und was sollen wir jetzt tun?“
Die Leiterin sah uns lange an. Dann sagte sie:
„Ihr bleibt hier. Unter Schutz. Unter Kontrolle. Bis wir wissen, wer alles hinter diesem Buch her ist.“
Ich spürte, wie mir das Blut in den Ohren rauschte. Unter Kontrolle. Das war kein Schutz. Das war Hausarrest.
„Und Veonora?“, fragte ich leise.
Die Leiterin nahm das Buch wieder auf.
„Veonora wird nicht aufgeben“, sagte sie. „Aber das ist nicht das Problem.“
Sie sah uns an.
„Das Problem ist, dass sie nicht die Einzige ist, die jetzt weiß, dass ihr das Buch habt.“
Der Wald war still, nachdem der Transporter verschwunden war. Zu still. Veonora stand zwischen den Trümmern ihres Wagens, Blut an der Schläfe, Erde an ihrem Mantel, aber ihre Haltung war aufrecht. Unerschütterlich. Sie atmete einmal tief durch, als würde sie den Schmerz wegschieben wie eine lästige Erinnerung. Dann griff sie in ihre Jackentasche und zog ein kleines, flaches Gerät hervor. Ein Kommunikationsmodul, militärische Qualität. Sie wischte mit dem Daumen über die Oberfläche. Das Display flackerte kurz, dann stabilisierte es sich.
„Statusbericht“, sagte sie ruhig.
Eine Stimme antwortete sofort, verzerrt durch Störsignale: „Wir haben die Motorräder verloren. Keine Spur im Wald. Keine Wärmequellen.“
Veonoras Lippen verzogen sich kaum merklich.
„Natürlich habt ihr sie verloren.“
Sie hob den Blick zum Himmel, wo der Transporter verschwunden war. Sie überlegte.
„Aktiviere Protokoll Schwarz“, sagte sie anschließend.
Am anderen Ende herrschte einen Moment lang Stille. Dann: „Bestätigt. Protokoll Schwarz wird eingeleitet.“
Veonora kniete sich neben die zerstörte Motorhaube ihres Wagens und öffnete ein verstecktes Fach. Darin lag ein zweites Gerät - ein kleiner, unscheinbarer Zylinder mit einer LED, die langsam pulsierte. Sie drückte ihn an den Boden. Die LED wechselte von Blau zu Rot. Ein Peilsender.
„Sie glauben, sie wären sicher“, murmelte sie. „Wie niedlich.“
Sie richtete sich auf, wischte sich das Blut von der Stirn und ging ein paar Schritte, bis sie ein Stück freie Fläche erreichte. Dann aktivierte sie das Kommunikationsmodul erneut.
„Verbinde mich mit dem Archivrat.“
Die Stimme am anderen Ende zögerte. „Veonora … das ist nicht autorisiert.“
„Jetzt ist es autorisiert.“
Ein leises Klicken. Dann eine neue Stimme. Alt. Rau. Und nicht erfreut.
„Baroness. Ich hoffe, Sie haben einen guten Grund.“
„Ich habe das Buch verloren“, sagte Veonora.
Stille. Schwer und gefährlich.
„Und?“, fragte die Stimme schließlich.
„Es ist in den Händen des Clans.“
Ein scharfes Einatmen. „Das ist … ungünstig.“
„Es ist katastrophal“, korrigierte Veonora. „Und deshalb brauche ich Zugriff auf die Liste.“
„Welche Liste?“
„Die Liste derer, die das Buch erkennen würden.“
Noch mehr Stille. Dann: „Das ist streng vertraulich.“
„Nicht mehr“, sagte Veonora. „Wenn der Clan das Buch hat, wird er es entschlüsseln. Und wenn er es entschlüsselt, wird er verstehen, was es öffnet.“
Die Stimme senkte sich. „Und Sie glauben, Sie können das verhindern?“
Veonora lächelte. Ein kaltes, dünnes Lächeln.
„Ich weiß, dass ich es kann.“
Ein leises Tippen, dann ein Bestätigungston.
„Die Liste wird übertragen. Aber hören Sie gut zu, Baroness: Wenn Sie scheitern—“
„Ich scheitere nicht.“
Sie beendete die Verbindung, bevor die Stimme weiterreden konnte. Der Peilsender am Boden blinkte jetzt schneller. Veonora sah in die Richtung, in der der Transporter verschwunden war.
„Ihr wollt ein Spiel?“, murmelte sie. „Dann spielen wir.“
Sie drehte sich um und ging, ohne sich noch einmal umzusehen. Hinter ihr begann der Peilsender, ein Signal in die Nacht zu schicken. Ein Signal, das nicht nur ihre Leute empfangen konnten.
Der Raum war leer, nachdem die Clanleiterin gegangen war. Die Tür schloss sich mit einem leisen, endgültigen Klicken. Ivara sprang sofort auf.
„Das war’s?“, fauchte sie. „Wir sollen hier rumsitzen wie zwei Schulmädchen, während sie mit unserer Beute spielt?“
Ich rieb mir die Stirn. „Sie glaubt, wir sind ein Risiko.“
„Wir sind ein Risiko“, sagte Ivara. „Aber ein wichtiges.“
Sie begann im Raum auf und ab zu gehen, wie ein Raubtier, das zu lange eingesperrt war. Ich kannte diesen Blick. Er bedeutete: Sie plante etwas. Und es würde nicht harmlos sein.
„Wir müssen beweisen, dass wir mehr können als fliehen“, sagte sie. „Dass wir nicht nur Chaos verursachen.“
„Und wie stellst du dir das vor?“
Sie blieb stehen. Drehte sich zu mir um. Ihre Augen funkelten.
„Wir gehen zurück zu Veonora.“
Ich starrte sie an. „Bist du verrückt?“
„Ja. Und?“
„Sie hat auf uns geschossen.“
„Dann schießen wir eben zurück.“
Ich schnaubte. „Das ist kein Plan.“
„Doch.“ Sie kam näher, senkte die Stimme. „Wir holen uns etwas von ihr. Etwas, das beweist, dass wir nicht nur Glück hatten, sondern dass wir sie überlisten können.“
Ich verschränkte die Arme. „Was denn?“
„Ihre Archive. Ihre privaten Zugänge. Irgendwas, das zeigt, dass wir tiefer in ihr System eindringen können als jeder andere. Vielleicht kidnappen wir irgendwen und erpressen.“
Ich blinzelte. Das war… tatsächlich nicht dumm.
„Du willst in ihr Anwesen zurück?“
„Ja.“
„Während sie uns jagt?“
„Genau.“
Ich seufzte. „Das ist Wahnsinn.“
„Das ist Kompetenz“, sagte Ivara. „Und genau das müssen wir beweisen.“
Ich sah sie lange an. Und dann merkte ich, dass sie Recht hatte. Wenn wir hier blieben, waren wir machtlos. Aber wenn wir zurückgingen, waren wir wieder gefährlich.
„Okay“, sagte ich leise. „Aber wir brauchen einen Plan.“
Ivara grinste. „Ich hab schon einen. Aber wir müssen hier raus, bevor Noosra oder Shakr zurückkommen. Die hängen uns sonst an die Wand.“
Ich nickte. „Also: leise, schnell, unauffällig.“
„Unauffällig ist mein zweiter Vorname.“
„Nein, ist er nicht.“
„Doch.“
„Nein.“
„Doch.“
Wir hielten beide inne, als Schritte im Flur zu hören waren. Schwer. Gleichmäßig. Shakr.
Verdammt.
Ivara packte mich am Arm und zog mich zur Seitenwand. Ein schmaler Wartungsschacht, kaum sichtbar, weil die Metallplatte denselben Farbton wie die Wand hatte.
„Da rein“, flüsterte sie.
„Das ist ein Lüftungsschacht.“
„Ja.“
„Wir passen da nicht rein.“
„Wir passen überall rein.“
Ich seufzte. „Du bist unmöglich.“
„Und du hast mich dafür lieb.“
Sie schob die Platte zur Seite. Der Schacht war eng, dunkel und roch nach Staub und Maschinenöl. Perfekt. Wir krochen hinein, gerade rechtzeitig, bevor Shakr an der Tür vorbeiging. Sein Schatten glitt über den Boden. Er blieb stehen und lauschte. Ich hielt den Atem an. Dann ging er weiter. Ivara stieß mich mit dem Ellenbogen an.
„Siehst du? Easy.“
„Ich hasse dich.“
„Nein.“
Wir krochen weiter. Der Schacht führte über den Besprechungsraum hinaus, dann nach links, dann nach unten. Ein Gitter versperrte den Weg. Ivara löste es mit einem kleinen Multitool-Taschenmesser, das sie natürlich irgendwo in ihrer Jacke versteckt hatte.
„Du hast das Ding die ganze Zeit dabei?“, flüsterte ich.
„Ich hab immer alles dabei.“
„Das ist beunruhigend.“
„Das ist Vorbereitung.“
Wir ließen uns durch die Öffnung fallen - leise, kontrolliert - und landeten in einem Wartungskorridor, der kaum benutzt wurde. Neonlicht flackerte. Kabel hingen von der Decke. Ein paar alte Kisten standen herum.
„Okay“, sagte ich. „Wir müssen an den Garagen vorbei, dann durch den Tunnel, dann...“
„...über die Osttreppe aufs Dach“, ergänzte Ivara. „Da steht immer ein Ersatzbike.“
Ich blinzelte. „Woher weißt du das?“
„Ich hab’s mal gebraucht.“
„Wann?“
„Lange Geschichte.“
„Ivara...“
„Später.“
Wir schlichen weiter. Schritte hallten irgendwo über uns, Stimmen, Funkgeräusche. Der Clan war in Alarmbereitschaft - wegen uns. Ironisch. Wir erreichten die Garagen. Zwei Wachen standen dort, bewaffnet, aber gelangweilt. Perfekt. Ivara zog mich hinter eine Säule.
„Plan?“
„Warten, bis sie wegsehen, dann durch.“
Sie ahmte ein Gähnen nach und verdrehte die Augen.
„Langweilig.“
„Effektiv“, hielt ich trotzig dagegen.
„Ich hab einen besseren.“
„Nein.“
„Doch.“
„Ivara...“
Zu spät.
Sie war schon unterwegs. Sie ging einfach. Ganz normal. Selbstbewusst. Als würde sie hier hingehören.
„Hey!“, rief eine der Wachen. „Du darfst hier nicht...“
„Noosra sucht euch“, sagte Ivara, ohne stehenzubleiben. „Sie ist stinksauer. Viel Spaß.“
Die Wachen sahen sich an. Zögerten. Und liefen los - in die entgegengesetzte Richtung. Ich starrte sie an.
„Wie…?“
„Menschen sind einfach“, sagte Ivara und winkte mich durch. „Man muss nur wissen, was sie nicht hören wollen.“
Wir erreichten die Osttreppe. Stiegen hoch. Schnell und leise. Oben angekommen, öffnete Ivara die Tür zum Dach. Kalter Wind schlug uns entgegen. Und da stand es. Ein Motorrad. Schwarz. Schlank. Vollgetankt.
„Sag nicht, das ist Zufall“, murmelte ich.
„Zufall ist was für Amateure.“
Wir stiegen auf. Der Motor brummte leise, als würde er uns begrüßen.
„Bereit?“, fragte Ivara.
Ich atmete tief ein.
„Bereit.“
Sie gab Gas. Das Motorrad schoss über das Dach, sprang über die Rampe, die jemand dort gelassen hatte - wahrscheinlich Ivara selbst, irgendwann in der Vergangenheit - und wir flogen indie Nacht hinaus. Weg vom Clan. Weg vom Quartier. Direkt zurück in die Gefahr. Und das genau dahin, wo wir hinmussten.
Das schwarze Motorrad rollte aus, der Motor verstummte in einem tiefen, vibrierenden Nachhall. Ivara und ich schoben es in den Schatten einer alten Eiche, deren Äste wie schützende Finger über uns hingen. Der Boden war feucht, die Luft kühl, und irgendwo in der Ferne summte eine elektrische Anlage. Das Anwesen der Baroness.
„Ab hier zu Fuß“, murmelte Ivara.
Ich nickte. Wir ließen die Helme am Motorrad, zogen die Jacken enger und schlichen los. Der Kiesweg war zu offen, also hielten wir uns im Unterholz, zwischen Farnen und knorrigen Wurzeln. Das Anwesen ragte vor uns in der Nacht auf wie ein weißer Monolith, umgeben von einer perfekt gepflegten, hohen Hecke, die sich wie eine grüne Festungsmauer um das Grundstück legte.
„Da vorne“, flüsterte ich und zeigte auf eine Stelle, an der die Hecke etwas dünner wirkte. Wir duckten uns, spähten durch die Blätter ... und sahen die ersten Kameras. Winzige schwarze Linsen, perfekt in die Hecke eingelassen. Veonora hatte nichts dem Zufall überlassen.
„Wir müssen den toten Winkel finden“, entschied Ivara.
Wir bewegten uns langsam an der Hecke entlang, Zentimeter für Zentimeter, bis wir ihn fanden: eine schmale Stelle, kaum breiter als ein Arm, an der sich die Sichtfelder zweier Kameras nicht trafen.
„Das ist lächerlich eng“, flüsterte ich.
„Aber es reicht“, grinste Ivara.
Wir zwängten uns hindurch, die Blätter streiften lautlos an unseren Jacken vorbei. Auf der anderen Seite lag der Garten - und er war noch beeindruckender als erwartet. Stein. Überall Stein. Steinrosen rankten sich an den Wänden entlang, steinerne Ranken wuchsen aus den Fensterrahmen, und zwischen den Büschen standen Statuen: Menschen, Tiere, abstrakte Formen - alles aus hellem, makellosem Stein gemeißelt.
„Sie hat Geschmack“, murmelte ich.
„Sie hat Obsessionen“, korrigierte Ivara.
Wir hielten uns dicht an der Hauswand, schlichen unter einem Balkon entlang und suchten nach einem Weg nach oben. Ein Vorsprung. Ein Regenrohr. Ein Rankengitter. Alles nutzbar.
„Da hoch“, sagte Ivara und deutete auf ein schmales Gitter, das bis zum ersten Stock führte. Ich setzte den Fuß auf den unteren Rahmen, zog mich hoch - und erstarrte.
Ein Gesicht starrte mich an. Ein Steingesicht, direkt in die Wand gemeißelt. Fein, elegant und fast lebendig. Die Lippen leicht geöffnet, als wollte es etwas sagen. Die Wangen glatt. Die Stirn mit Rosen verziert. Und die Augen… Die Augen waren keine Augen. Es waren Kameras. Zwei schwarze Linsen, tief in den Höhlen eingelassen, die uns direkt fixierten.
„Ivara…“, flüsterte ich.
„Ich seh’s“, sagte sie tonlos.
Für einen Moment standen wir beide da wie eingefroren. Die Kameraaugen blinkten nicht. Sie bewegten sich nicht. Aber sie sahen uns. Ganz eindeutig. Dann - typisch Ivara - hob sie die Hand und winkte.
„Einen schönen guten Abend“, sagte sie leise, als wäre das hier ein höflicher Besuch.
Ich starrte sie an. „Bist du irre?!“
„Jaja, kann schon sein“, grinste sie. „Und jetzt weiter.“
Und bevor ich protestieren konnte, kletterte sie einfach weiter am Gitter hoch, als wäre es das Normalste der Welt, von einer steinernen Überwachungsstatue beobachtet zu werden. Ich verstummte und folgte ihr - weil ich keine Wahl hatte. Wie immer. Der Balkon des ersten Stocks war nur noch wenige Meter entfernt. Hinter uns starrten die steinernen Kameraaugen weiter in die Nacht. Und ich konnte nicht sagen, ob sie uns nur beobachteten. Oder ob sie gerade jemanden alarmierten. Ivara kletterte auf das Fenstersims, drückte ihre Jacke gegen das Glas und nickte mir zu. Ich zog die schwere Taschenlampe aus meiner Hosentasche, holte tief Luft und schlug kräftig gegen den dicken Stoff. Ein dumpfer Schlag.
Nichts.
Noch einmal.
Ein Riss.
Beim dritten Versuch gab die Scheibe nach. Das Glas splitterte leise, die Jacke fing die meisten Scherben ab. Ein paar scharfe Kanten blieben im Rahmen hängen, und ich achtete darauf, mich nicht zu schneiden, als ich mich durch die Öffnung schob.
Drinnen war es dunkel. Niemand Zuhause. Oder?
Ich landete auf einem weichen Teppich. Der Boden gab leicht nach, als würde er Geräusche dämpfen. Ivara glitt hinter mir hinein, zog die Jacke zurück und ließ die letzten Scherben leise zu Boden rieseln.
„Willkommen im Albtraum der Innenarchitektur“, flüsterte sie.
Ich sah mich um. Der Flur war lang, schmal, und die Wände waren … verziert. Aber weder mit Bildern noch mit Tapeten. Sondern mit Stein. Steinranken, die sich wie gefrorene Pflanzen über die Wände zogen. Steinrosen, die aus den Ecken wuchsen. Steingesichter, die aus dem Mauerwerk hervorschauten. Manche elegant, manche grotesk, manche so realistisch, dass ich unwillkürlich den Atem anhielt.
„Sie hat wirklich einen Geschmack“, murmelte ich.
„Sie hat viele Geschmäcker“, antwortete Ivara. „Und keiner davon ist gesund.“
Wir schlichen weiter. Der Teppich schluckte jeden Schritt. Die Luft roch nach kaltem Marmor und etwas Süßlichem, das ich nicht einordnen konnte. Dann hörte ich es erneut. Ein leises Klicken. Ich fuhr herum.
Eines der Steingesichter hatte sich bewegt.
Die Augen.
Zwei kleine Linsen, tief in den steinernen Höhlen, hatten sich gedreht und fixierten uns.
„Nicht schon wieder“, flüsterte ich.
Ivara hob die Hand und winkte den Kameras zu, als wäre das hier ein Besuch bei Freunden.
„Du bist unmöglich“, zischte ich.
„Ich weiß“, grinste sie. „Aber es funktioniert.“
„Was funktioniert?“
„Wenn man so tut, als würde man hier hingehören, glauben manche Systeme das.“
Ich wollte widersprechen, aber dann hörte ich Schritte. Leise und regelmäßig. Nicht hastig - patrouillierend. Ivara packte meinen Arm und zog mich hinter eine steinerne Säule, deren Oberfläche wie gefrorene Rosenblätter wirkte. Die Schritte kamen näher. Ein Schatten glitt über den Flur. Groß und schlank. Mit einer Taschenlampe, die einen schmalen Lichtkegel über die Wände wandern ließ. Ein Wachmann. Oder etwas, das wie einer aussah. Er blieb stehen. Direkt vor dem zerbrochenen Fenster. Ich hielt den Atem an. Er leuchtete hinaus. Dann hinein. Dann auf die Scherben. Sein Funkgerät knackte.
„Sektor Nord. Mögliche Störung. Prüfe.“
Ivara spannte sich an. Ich legte ihr eine Hand auf den Unterarm. Warte.
Der Mann trat näher. Noch ein Schritt. Noch einer. Dann blieb er stehen - direkt vor unserer Säule.
Ich spürte, wie mein Herz gegen meine Rippen hämmerte.
Er hob die Lampe. Der Lichtkegel wanderte über die Wand.
Über die Steinranken.
Über die Gesichter.
Und dann ... weiter.
Er drehte sich um und ging.
Als hätte er nichts Verdächtiges gesehen.
Er verschwand um die Ecke.
Ivara atmete aus. „Okay. Das war knapp.“
„Zu knapp.“
„Dann sollten wir uns beeilen.“
Sie deutete auf eine Tür am Ende des Flurs. Sie schien schwer und dunkel zu sein. Mit einem steinernen Rosenornament.
„Da drin“, sagte sie, „beginnt der private Bereich.“
Ich nickte.
„Und da drin“, fügte sie hinzu, „finden wir sicher, was wir brauchen.“
Wir schlichen los.
Der Teppich dämpfte unsere Schritte, während wir uns der schweren Tür am Ende des Flurs näherten. Keine Steinornamente mehr. Stattdessen ein glatter, dunkler Metallrahmen, der im schwachen Licht matt schimmerte. Ivara legte die Hand auf die Klinke. „Bereit?“
Ich nickte. Die Tür öffnete sich lautlos. Und dahinter lag kein Schlafzimmer. Kein Büro. Kein Salon. Sondern ein Labor. Ein privates, abgeschottetes, hochmodernes Labor, das so gar nicht zum restlichen Anwesen passte. Der Raum war hell, steril, fast klinisch. Glaswände. Metallische Tische. Holografische Displays, die im Standby-Modus schwebten. Und überall Geräte, deren Zweck ich nicht einmal ansatzweise verstand.
„Okay… das ist neu“, murmelte ich.
„Das ist krank“, korrigierte Ivara.
Wir traten ein. Auf einem der Tische lag ein Buch - unser Buch - oder zumindest ein Exemplar davon. Aber es war geöffnet, und über den Seiten schwebten feine, rote Linien wie Laserfäden, die jede Seite abtasteten.
„Sie scannt es“, flüsterte ich.
„Nein“, sagte Ivara. „Sie entschlüsselt es.“
Ich trat näher. Die Geräte waren nicht einfach Scanner. Sie waren Analysemodule, die Energie, Struktur, Material und… etwas anderes erfassten. Etwas, das nicht physisch war.
„Das ist nicht nur ein Labor“, sagte ich. „Das ist ein Decoder.“
Ivara runzelte die Stirn. „Für was?“
Ich deutete auf die Wand. Dort hing ein großes Display. Darauf: eine Karte. Keine geografische Karte und keine Stadtkarte. Eine Netzwerkkarte. Linien, Knotenpunkte, Verbindungen. Und in der Mitte ein Symbol, das ich sofort erkannte. Das Symbol auf unserem Buch.
„Sie sucht etwas“, flüsterte ich.
„Oder jemanden“, sagte Ivara.
Ich trat näher an das Display. Einige der Knotenpunkte blinkten rot. Andere waren grau. Einige waren verbunden. Andere isoliert.
„Das ist eine Liste“, sagte ich langsam. „Eine Liste von … Trägern? Stützpunkten? Peilsendern? Leuten, die mit diesem Buch zu tun haben?“
Ivara schnaubte. „Oder Leute, die sie ausschalten will.“
Ich wollte antworten - doch dann sah ich es. In der Ecke des Raumes stand ein Glaskasten. Darin lag ein zweites Buch. Nicht alt und mystisch. Sondern neu. Modern. Mit einem metallischen Einband und einem digitalen Schloss.
„Das ist…“, begann ich.
„…eine Kopie“, beendete Ivara meinen Satz.
Eine digitale Kopie. Oder schlimmer, eine übersetzte Version.
„Sie versucht, das Buch nachzubauen“, sagte ich. „Oder zu öffnen, ohne es zu zerstören.“
Ivara trat näher an den Glaskasten. „Das heißt … sie ist weiter als wir.“
Ich nickte.
„Viel weiter.“
In diesem Moment hörten wir ein Geräusch. Ein leises Summen. Ein Aktivierungston. Die Displays sprangen an. Die Laserlinien über dem Buch wurden heller. Und auf dem großen Bildschirm erschien ein neuer Knotenpunkt. Einer, der vorher nicht da war. Er blinkte rot. Dringlich. Warnend. Und darunter stand ein Name.
IVARA.
Ich spürte, wie mir das Blut in den Adern gefror.
„Äh…“, sagte Ivara. „Warum blinke ich?“
Ich schluckte.
„Weil du jetzt auf ihrer Liste bist.“
Das Display blinkte noch immer rot, Ivaras Name pulsierte wie ein Alarm. Ich wollte gerade etwas sagen, da hörte ich ein Geräusch. Ein leises Tap-tap-tap auf dem Boden. Und es kam näher. Ich drehte mich um. Aus dem Schatten zwischen zwei Laborgeräten trat eine Katze hervor. Schwarz wie die Nacht. Fell glatt wie Öl. Augen grün und hell wie zwei Smaragde.
Sie blieb stehen. Setzte sich. Und starrte uns an, als hätte sie uns schon die ganze Zeit beobachtet.
„Oh nein“, murmelte ich. „Bitte nicht.“
„Oh doch“, sagte Ivara.
Die Katze blinzelte langsam. Dann miaute sie - leise, aber mit einer Art königlicher Arroganz, die perfekt zu Veonora passte.
„Das ist ihre Katze“, flüsterte ich. „Natürlich hat sie eine Katze.“
„Natürlich hat sie eine Katze“, wiederholte Ivara. „Und weißt du was?“
Ich sah sie an. Ihr Blick funkelte. Das war nie ein gutes Zeichen.
„Was?“, fragte ich vorsichtig.
„Wir nehmen sie mit.“
Ich starrte sie an. „Was?“
„Als Druckmittel.“
„Ivara, das ist eine Katze.“
„Ja. Eine sehr wertvolle Katze.“
Die Katze stand auf, kam näher und rieb sich an Ivaras Stiefel, als würde sie sagen: Endlich kommt jemand mit Verstand.
„Sie mag mich“, stellte Ivara fest.
„Sie mag jeden, der nicht Veonora ist“, murmelte ich.
Ivara hob die Katze hoch. Die Katze ließ es sich gefallen. Natürlich ließ sie es sich gefallen. Sie sah aus, als hätte sie gerade beschlossen, dass wir jetzt ihr Personal waren.
„Siehst du?“, sagte Ivara. „Perfekt.“
„Ivara, wir können nicht einfach ...“
„Doch.“
„Das ist Entführung.“
„Nein“, sagte sie. „Das ist … strategische Tierlogistik.“
Ich rieb mir die Stirn. „Das ist kein Begriff.“
„Jetzt schon.“
Die Katze schnurrte laut und zufrieden. Als würde sie die ganze Operation absegnen.
„Außerdem“, sagte Ivara und setzte die Katze auf ihren Arm wie ein modisches Accessoire, „wenn Veonora uns hier erwischt, haben wir wenigstens etwas, das sie ablenkt.“
„Oder wütender macht.“
„Beides funktioniert.“
Ich wollte widersprechen, aber dann hörten wir Schritte im Flur. Schnell. Zielgerichtet. Ivara sah mich an. Ich sah sie an. Die Katze sah uns beide an.
„Zeit zu gehen“, sagte Ivara.
Und die Katze miaute zustimmend.
Die Schritte im Flur kamen näher. Schnell. Schwer. Nicht mehr patrouillierend - suchend. Ivara drückte die Katze fester an sich.
„Okay“, flüsterte ich. „Wir müssen hier raus. Jetzt.“
„Ich weiß“, murmelte Ivara. „Aber ich hab das Gefühl, Madame Flausch hier weiß mehr als wir.“
Die Katze schnurrte. Laut. Zu laut.
„Kannst du sie leiser stellen?“, zischte ich.
„Sie ist eine Katze, kein Gerät.“
„Bei Veonora bin ich mir da nicht sicher.“
Wir huschten zur Tür zurück und spähten hinaus. Der Flur war leer, aber nicht lange. Ein rotes Licht blinkte am Ende des Ganges. Alarmmodus.
„Super“, murmelte ich. „Wir haben’s ausgelöst.“
„Nein“, sagte Ivara. „Sie hat’s ausgelöst.“
Sie deutete auf die Katze. Ich blinzelte irritert.
„Wie bitte?“
Die Katze hob eine Hinterpfote und kratzte gegen ein kleines Band an ihrem Hals. Ein Halsband, das ich vorher nicht bemerkt hatte. Ein Armband mit einem winzigen, blinkenden Chip.
„Das ist ein Identifikationssender“, flüsterte ich. „Sie ist ein Schlüssel.“
„Sag ich doch“, grinste Ivara. „Nützlich.“
Die Katze sprang plötzlich aus ihren Armen, landete lautlos und rannte los - nicht weg von uns, sondern vor uns her, den Flur entlang.
„Sollen wir ihr folgen?“, fragte ich.
„Sie ist die einzige hier, die weiß, wo’s rausgeht“, sagte Ivara. „Also ja.“
Wir rannten hinterher. Die Katze bog scharf nach links, dann rechts, dann durch eine halb geöffnete Tür. Wir folgten ihr in einen schmalen Wartungsgang, der nach Metall und Staub roch.
„Das ist ein Servicetunnel“, erkannte ich. „Für Personal.“
„Oder für Katzen“, sagte Ivara.
Die Schritte der Wachen hallten hinter uns. Sie hatten uns gefunden.
„Schneller!“, rief ich.
Die Katze beschleunigte. Wir auch. Der Tunnel führte zu einer schmalen Metallleiter. Die Katze sprang elegant auf die zweite Sprosse und sah uns an, als würde sie sagen: Na los, ihr Schnecken.
„Ich hasse sie ein bisschen“, murmelte ich.
„Ich liebe sie“, sagte Ivara und kletterte hoch.
Wir folgten der Katze durch eine Luke, die in einen kleinen Dachboden führte. Staub. Alte Kisten. Ein Fenster. Ein offenes Fenster.
„Das ist unser Ausgang“, sagte ich.
„Natürlich ist es das“, antwortete Ivara. „Sie ist genial.“
Die Katze sprang auf die Fensterbank, drehte sich um und miaute — als würde sie uns antreiben. Ich kletterte hinaus. Der Wind schlug mir ins Gesicht. Unter uns: Der Garten. Dahinter: die Hecke. Und dahinter: Freiheit. Ivara reichte mir die Katze. Ich nahm sie vorsichtig.
„Bereit?“, fragte ich.
„Immer“, sagte sie.
Wir sprangen.
Der Fall war kurz und der Aufprall hart. Aber wir landeten im weichen Gras, rollten ab und sprinteten los - die Katze fest an mich gedrückt, erstaunlich ruhig. Hinter uns hörten wir Rufe. Schritte, Lichtkegel. Wir erreichten die Hecke, zwängten uns durch den toten Winkel und rannten zu unserem Motorrad. Ivara startete den Motor. Ich setzte mich auf, die klemmte ich in meine Jacke und schloss den Reißverschluss halb. Sie war erstaunlich entspannt.
„Sie ist viel zu ruhig“, sagte ich.
„Sie vertraut uns“, lächelte Ivara.
„Oder sie plant unseren Tod.“
„Beides wäre beeindruckend.“
Wir erreichten die Hecke, zwängten uns durch den toten Winkel und rannten zu unserem Motorrad. Ivara startete den Motor. Ich setzte mich auf, die Katze zwischen uns eingeklemmt, und wir rasten los - weg vom Anwesen, weg vom Alarm. Doch kaum hatten wir die Auffahrt erreicht, hörten wir es. Sirenen. Blaulicht blitzte durch die Bäume.
„Oh, super“, murmelte ich. „Die Polizei.“
„Perfektes Timing“, sagte Ivara trocken.
Ein Streifenwagen bog auf den Weg ein und blockierte die Straße. Zwei Beamte stiegen aus, Hände an den Holstergurten, aber sie wirkten nicht aggressiv. Eher verwirrt.
„Anhalten! Sofort!“, rief einer.
„Mach ich nicht“, sagte Ivara bestimmt.
„Natürlich machst du das nicht“, seufzte ich.
Wir bremsten nicht. Wir wichen aus. Der Polizist sprang zur Seite, rief etwas Unverständliches hinter uns her. Und dann - natürlich - tat Ivara etwas völlig Unnötiges. Sie drehte den Kopf, warf dem Beamten im Vorbeifahren eine schnelle Kusshand zu. Meine Schwester war einfach zu cool. Der Polizist blieb stehen, völlig perplex.
„Hat sie mir gerade ...?“, hörte ich ihn sagen.
„Ja“, antwortete sein Kollege. „Ja, hat sie.“
Wir schossen weiter die Straße hinunter, das Blaulicht hinter uns kleiner werdend.
„Musste das sein?“, fragte ich.
„Absolut“, grinste Ivara. „Er war süß.“
Die Katze miaute zustimmend.
Wir erreichten die Waldgrenze, bogen in einen schmalen Pfad ein und ließen die Sirenen hinter uns. Der Motor brummte gleichmäßig, die Nachtluft rauschte an uns vorbei.
„Okay“, sagte ich. „Die Polizei haben wir abgehängt. Die Wachen auch. Und wir haben eine Katze.“
„Eine sehr nützliche Katze“, korrigierte Ivara.
Der Wald öffnete sich vor uns, der Weg wurde vertrauter. Die Nachtluft war kühl, aber nicht mehr bedrohlich — eher wie ein langer Atemzug nach zu viel Adrenalin.
„Quartier?“, fragte ich.
„Quartier“, bestätigte Ivara.
Wir bogen auf den versteckten Pfad ein, der nur für Eingeweihte wie ein normaler Waldweg aussah. Die Katze drückte sich warm gegen mich, als hätte sie beschlossen, dass wir jetzt ihr neues Transportmittel waren.
„Ich kann nicht glauben, dass wir eine Katze geklaut haben“, murmelte ich.
„Wir haben sie nicht geklaut“, erwiderte Ivara. „Wir haben sie gerettet.“
„Vor wem?“
„Vor ihrer Besitzerin.“
„Fair.“
Die Bäume wurden dichter, dann wieder lichter, und schließlich tauchte der getarnte Eingang des Quartiers auf - ein unscheinbarer Felsvorsprung, der sich hydraulisch öffnete, sobald Ivara den Code sendete. Der Fels glitt zur Seite. Warmgelbes Licht strömte heraus. Ich schloss glücklich, aber müde kurz die Augen. Stimmen. Bewegung. Sicherheit. Wir fuhren hinein.
Der Hangar war wie immer belebt: Clanmitglieder, die an Ausrüstung arbeiteten, jemand, der an einem Terminal fluchte, zwei Leute, die sich über eine Karte beugten. Doch als wir einrollten, verstummte der Raum für einen Moment. Wegen der Katze.
„Äh…“, machte jemand.
„Ist das...?“
„Haben die zwei ernsthaft...?“
Ivara stieg ab, hob die Katze hoch wie eine Trophäe und sagte: „Wir haben ein Problem gelöst.“
Ich stieg ebenfalls ab. „Und ein neues geschaffen.“
Noosra kam schnellen Schrittes auf uns zu, blieb stehen, sah erst uns an, dann die Katze, dann wieder uns.
„Bitte sagt mir, dass das nicht Veonoras Katze ist.“
Die Katze miaute.
„Natürlich ist es Veonoras Katze“, seufzte Noosra.
„Sie war echt nützlich“, sagte Ivara.
„Sie IST nützlich“, korrigierte ich. „Sie hat uns hierher geführt.“
Noosra rieb sich die Schläfen. „Ihr zwei seid wirklich … ich weiß nicht mal mehr, welches Wort ich benutzen soll.“
Die Katze sprang aus Ivaras Armen, landete auf dem Boden und lief zielstrebig in Richtung der inneren Gänge des Quartiers.
„Hey!“, rief ich. „Wohin will sie?“
„Wahrscheinlich dahin, wo sie immer hingeht“, murmelte Noosra.
„Wie meinst du das?“, fragte ich überrascht.
Noosra sah uns an.
Lange.
Mit diesem Blick, der gleichzeitig genervt, beeindruckt und besorgt war.
„Weil das nicht das erste Mal ist, dass sie hier ist.“
Ich blinzelte. „Was?“
„Die Katze“, sagte Noosra. „Sie taucht manchmal auf. Frisst etwas. Verschwindet wieder. Wir dachten, sie gehört einem der Nachbargrundstücke.“
Ivara und ich sahen uns an.
„Also…“, begann ich verblüfft.
„…haben wir gar nichts entführt?“, beendete Ivara meinen Satz ungläubig.
„Nein“, sagte Noosra schlicht. „Ihr habt ein Tier mitgebracht, das sowieso ständig hier rumläuft.“
Die Katze miaute aus der Ferne, als würde sie sagen: Endlich habt ihr’s verstanden. Ivara lachte. Ich lachte. Noosranicht.
„Und jetzt?“, fragte ich.
Noosra atmete tief durch. „Jetzt … bringt ihr euch bitte nicht sofort wieder in Schwierigkeiten.“
Ivara grinste. „Keine Versprechen.“
Ich legte ihr eine Hand auf die Schulter. „Wir versuchen’s.“
Die Katze tauchte wieder auf, setzte sich vor uns und begann, sich zu putzen — völlig unbeeindruckt von der Tatsache, dass sie gerade der Mittelpunkt eines halben Einsatzes gewesen war. Ich sah zu Ivara.
„War es das wert?“
Sie grinste. „Jeder einzelne Moment.“
Ich nickte.
„Dann gehen wir jetzt schlafen.“
„Endlich.“
Wir gingen los. Die Katze folgte uns.
Und zum ersten Mal seit Stunden fühlte sich die Nacht nicht mehr wie ein Feind an. Sondern wie ein Ende.
Ein gutes.
Epilog
Veonora wusste sofort, dass etwas nicht stimmte. Noch bevor sie die Auffahrt erreichte. Noch bevor sie die Haustür öffnete. Noch bevor sie den ersten Schritt in ihr Anwesen setzte. Die Luft war anders. Zu still. Zu leer. Sie schaltete das Licht ein. Und sah die Scherben.
Ein Fenster im ersten Stock – zerschlagen. Präzise. Mit Absicht. Ihre Augen verengten sich. Ein Einbruch. In ihr Haus.
Sie ging die Treppe hinauf, jeder Schritt ein kontrollierter Schlag auf Marmor. Der Flur war unberührt. Die Kameras liefen. Die Systeme waren aktiv. Aber das Labor…
Die Tür stand offen. Veonora blieb stehen. Sie hatte sie nicht offen gelassen. Sie trat ein. Und sah es sofort: Ein Buch fehlte. Nicht das Original - das lag noch da, halb entschlüsselt, von roten Lasern durchzogen. Aber das zweite. Das, das sie erst vor wenigen Tagen gesichert hatte. Das, das niemand außer ihr hätte kennen dürfen. Ein Muskel zuckte an ihrem Kiefer. Dann sah sie es.
Der Futternapf. Leer. Der Wassernapf. Umgestoßen. Und mitten im Raum lag ein kleines Halsband.
Ihr Atem stockte.
„… Nein.“
Sie hob es auf. Drehte es in der Hand. Der Chip blinkte. Ein rotes Licht. Ein Name.
IVARA.
Veonora schloss die Augen.
Natürlich.
Natürlich war es diese Frau. Diese unberechenbare, impulsive, lächerlich selbstsichere Frau, die sich für etwas besseres hielt. Sie aktivierte das Halsband.
Ein holografischer Verlauf erschien. Bewegungsdaten. Standorte. Ein Pfad, der direkt vom Labor wegführte. Und dann - ein letzter Punkt. Das Quartier.
Veonora atmete langsam ein. Langsam aus. Sie hätte sie jagen können. Sie hätte sie bestrafen können. Sie hätte sie vernichten können. Aber…
Sie sah das Halsband an. Ihre Katze war nicht nur ein Haustier. Sie war ihr Schatten. Ihr stiller Beobachter. Das einzige Wesen, das sie nicht kontrollierte - und das sie trotzdem nie verließ.
Und jetzt war sie bei ihnen. Bei diesen zwei chaotischen, unberechenbaren Schwestern. Veonora schloss die Finger um das Halsband.
„Gut“, sagte sie leise. „Ihr habt gewonnen.“
Nicht aus Angst. Nicht aus Schwäche. Sondern weil sie wusste, dass ihre Katze nur dort blieb, wo sie bleiben wollte. Und wenn sie bei ihnen war…
…dann war es nicht die Zeit, sie zurückzuholen.
Sie drehte sich um, verließ das Labor und schaltete das Licht aus. Doch an der Tür blieb sie stehen.
„Ivara…“, murmelte sie. Ein dünnes, gefährliches Lächeln glitt über ihr Gesicht.
„Dass du deinen Namen im System hinterlassen hast… das vergesse ich nicht.“
Aber heute ließ sie sie gehen. Ihrer Katze zuliebe.
- Ende -
(aber nicht ganz...)
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Einen Kommentar hinterlassenHallo, liebe Leserin, ich bin wirklich happy darüber, dass die Geschichte Schattenschwestern hier veröffentlicht wurde. Ich weiß, hier sind einige Rechtschreib- und evtl. auch Logikfehler drin, die ich versehentlich gemacht habe, doch das lässt sich jetzt nicht mehr ändern. Eigentlich sollte der Pitch auch lauten: Und KEINE Chance für die Welt, die sie jagt — aber naja...
Hoffentlich habt ich mit dieser Geschichte deine Langeweile kurz vertreiben konnte
Wie fandest du die Story? Schreibe gerne in die Kommantare! Ich freue mich schon drauf
L. Night
PS: Weil Ivaras Schwester keinen Namen trägt, könntest DU sie sein