Die Drachen und das Spiel
Geschrieben von brain2206
Die Drachen wachen zusammen auf und sehen sich verwundert um. Sie sind nicht mehr in ihrer kuscheligen Höhle. Vielmehr erkennen sie sich in einer trostlosen Landschaft und einem düsteren Himmel wieder. Ein eisiger Wind fröstelt die Drachenkinder, die sich an ihrer Mutter Ophelia wärmen. Links und rechts befindet sich ein tiefer schmaler Abgrund, dessen Ende nicht zu erkennen ist. Der Drachenvater Aris zeigt nach vorne.
„Schaut mal. Da hinten befindet sich ein gigantisches Gebäude, was im Felsen eingebettet ist. Eine Tür kann ich auch erkennen. Vielleicht kommen wir dort wieder zurück. Ich schau es mir mal an.“
Bobo und Jade bleiben weiterhin zitternd bei Ophelia, während sich der Vater auf den Weg macht. Er versucht, seine Schwingen zu nutzen, um sich den langen steinigen Fußmarsch zu ersparen, aber bleibt verwundert stehen. Die Kinder sehen mit Ophelia zu Aris und rufen, ob alles in Ordnung wäre. Er dreht sich schwitzend zu seiner Familie. „Ich… ich kann nicht fliegen. Meine Flügel kann ich nicht zum Fliegen bewegen.“
Darauf versuchen es Ophelia und die Kinder – vergebens. Ophelia sieht geschockt zu ihrem Mann.
„Was zur Hölle ist passiert? Wo sind wir hier?“
Er schüttelt verzagend den Kopf.
„Ich weiß es nicht mein Schatz. Lass uns zusammen zu diesem Bauwerk im Felsen gehen. Vielleicht erfahren wir, wo wir gelandet sind.“
Es ist ein steiniger Weg und jeder Schritt strengt die Kinder an. Darauf nehmen die Eltern Jade und Bobo auf den Rücken und gehen weiter. Als sie vor dem Felsen angekommen sind, springen die Kinder von den Rücken der Eltern. Sie sehen sich die Tür an, die weder Griff noch Glocke hat. Aris sieht sich die Pforte genau an und kann den Spalt in der Mitte erkennen. Er drückt und spürt den schweren Widerstand. Er ruft seine Familie her und alle drücken gemeinsam dagegen. Mit viel Kraft schaffen sie es, das Tor zu öffnen und schleichen herein. Von Innen kommt durch wenige Fackeln ein schwaches Licht entgegen. Aris geht voran und Ophelia achtet auf die Kinder.
Nachdem sie wenige Meter durch den langen düsteren Korridor gegangen sind, hören sie hinter sich ein lautes knarzendes Geräusch. Sie drehen sich ruckartig um und sehen, wie sich das Tor mit einem dumpfen Schlag schließt. Beim Versuch, diese erneut zu öffnen, schlägt fehl.
„Was ist das nur für ein Ort“, winselt Jade. „Ich will wieder nach Hause. Ich habe Angst.“
Ophelia sieht zu ihrer Tochter.
„Vielleicht bekommen wir am Ende des Ganges die Antwort. Da vorne wird es immer heller.“
Zehn Minuten später stoßen sie auf einen großen, rundlichen, erwärmten Raum, der durch viele Fackeln beleuchtet wird und jedes Detail zu erkennen zeigt. Aris fällt neben vielen Bücherregalen eine geschlossene Tür und eine goldene Tafel auf. Er winkt seine Familie her und liest vor.
Ihr sucht die Freiheit in dieser Welt. Die Möglichkeit sei euch gewährt. Sucht die Scatter, für jeden 3 Stück. Nur so habt ihr das Glück. Die Tore zu durchqueren.
Beeilt euch. Die verbliebende Zeit zeigt eine Sanduhr Wenn die Zeit abläuft, bleibt ihr dort - für immer. Schafft es einer, seid ihr alle gerettet. Das Spiel beginnt – Mitran der Zauberer.
Aris liest den Rest der Tafel stumm weiter…
„Was bedeutet das?“, fragt Bobo.
Ophelia denkt nach und sieht zu Aris.
„Ist es das, was ich glaube?“
Aris nickt und erklärt es den Kindern.
„Passt auf. JEDER von uns muss in diesen Räumen oder Bereichen bestimmte Dinge finden, die sich Scatter nennen. Es soll magische Portale geben, die man nur durchlaufen kann, wenn man drei dieser Symbole in den Klauen hält.“
Jade fragt, ob man nicht mit nur zwei Symbolen durchgehen kann. Aris verneint es.
„So wie es aussieht, nicht. Wenn die Zeit der Sanduhr abgelaufen ist, versteinert das Portal, und die noch nicht durchgegangen sind, bleiben für immer gefangen. Das scheint ein Spiel der schlimmsten Art zu sein.“
Ophelia sieht mit einem kleinen Lächeln zu den Dreien.
„Ein Gutes hat es aber. Spiele kann man gewinnen. Wenn es einer von uns schafft, sind wir alle gerettet…“
In der Mitte fällt allen eine goldene Sanduhr auf, die sich auf mysteriöse Weise erhebt, umdreht und den Sand nach unten rieseln lässt. Aris dreht sich zu den Kindern.
„Passt auf. Wir haben Zeit, bis der Sand heruntergerieselt ist. Jeder sucht drei goldene Bücher und flitzt damit durch dieses Portal!“
Bobo geht zum leuchtenden Portal und meint: „Vielleicht kann man auch SO durchgehen“ und versucht es.
Erschrocken sehen die anderen, wie er mit einem Rückschlag viele Meter nach hinten fliegt und schmerzerfüllt am Boden aufkommt. Ophelia hilft ihm auf und fragt, ob er sich verletzt hat. Bobo reibt sich den Hintern.
„Mir geht es gut, Mama. Lass uns diese Bücher finden.“
Alle suchen angestrengt an allen Ecken. Jade zeigt nach oben.
„Ich sehe welche.“
Da die Schränke höher als Aris und Ophelia sind, hebt der Drachenvater Jade hoch. Sie wirft die 5 goldenen Bücher nach unten, die Aris vor das Tor kickt. In der Zeit haben Ophelia und Bobo vier weitere gefunden. Aris blickt auf die Sanduhr, wo die Hälfte bereits durchgerieselt ist.
„Wir brauchen noch 3 weitere. Schnell! sucht weiter!“
Jade und Bobo flitzen im Raum hin und her und suchen in den kleinen Ritzen. Jade jubelt und zieht zwei weitere goldene Bücher heraus – es fehlt nur noch eins.
„ICH HABS!“, ruft Ophelia und hält es in ihren Klauen.
Jeder schnappt sich drei Bücher und geht auf das leuchtende Portal zu. Aris holt Luft, geht durch und verschwindet. Ophelia und die Kinder machen das Gleiche und flitzen hindurch. Sie finden sich an einem großen See und sehen sich um. Jade zeigt auf ein großes Schild, was an einem Baum befestigt ist. Direkt daneben befindet sich die goldene Sanduhr, die sich erhebt und sich umdreht – der Sand rieselt … Aris liest schnell das Schild. Ophelia betrachtet das Gewässer und das Portal.
„Jetzt wird es nass“, spricht Aris. „Wir müssen aus dem Wasser Barsche fangen. Für den Ausgang benötigt jeder drei. Lasst uns schleunigst beginnen.“
Sie springen ins Wasser und schwimmen los. Zum Glück sind Drachen hervorragende Schwimmer und krallen einen Barsch nach dem anderen. Nach dem elften gefangenen Fisch tauchen alle auf. Zusammen sehen sie am Ende des Sees einen goldenen Barsch, der in der Sonner glitzert. Während Bobo die gefangenen zum Portal bringt, schwimmen die anderen zum Fisch. Als er die Drachen angeschwommen sieht, schwimmt er mit einem beachtlichen Tempo davon – keiner konnte ihn stoppen. Sie sehen durch sein Glitzern, dass er zur anderen Seite schwimmt.
„Verdammt“, brüllt Aris. „Unsere Zeit läuft ab. Wir haben noch einen Versuch. Wenn es nicht klappt, rennt ihr durch das Portal.“
Darauf antwortet Ophelia: „Wir lassen dich nicht hier! Wir werden zusammen …“
„Halt die Klappe, mein Schatz! Sonst bleiben wir alle hier. Willst du das?!“
Mit glasigen Augen stimmt sie zu und die drei schwimmen in Richtung des Fisches.
Bobo hat die toten Fische bereits zum Portal gelegt und wollte wieder ins Wasser, als er den goldenen Barsch sieht, der in seine Nähe geschwommen ist. Er blickt zur Sanduhr und zum Barsch. Es gibt nur einen Versuch, denkt er sich und schleicht vorsichtig ins Wasser. Der Barsch ist ihm ganz nahe. Soll er es versuchen? Die Familie kommt immer näher, was der Fisch sieht. Diesen kurzen Moment nutzt Bobo aus und packt nach dem Fisch. Er hat ihn gefangen und durch seine Krallen tötet er ihn innerhalb von Sekunden.
„Ich habe ihn!“, ruft er voller Stolz zur Familie. „Beeilt euch! Die Zeit ist fast rum!“
Mit einem rasanten Tempo springen sie aus dem Wasser und schnappen sich jeder die Fische. Gemeinsam rennen sie in den letzten Sekunden durch das Portal.
Das Vierergespann findet sich erneut in einer Art Bibliothek mit dem Namen „Ramses“ wieder. In der Mitte befindet sich wieder ein Tisch mit einer goldenen Sanduhr und einem Text, den Aris schnell durchliest. Bobo hat eine Idee und will das Umdrehen der Sanduhr verhindern. Er will sie festhalten, damit der Sand nicht durchrieselt. Als er sie in die Klauen nehmen will, kommt ein großer Blitz heraus und lässt Bobo durch den Raum fliegen. Als er gegen ein Regal knallt, wackelt es so sehr, dass sich Aris und Ophelia dagegen stemmen müssen, bevor es Bobo zerquetscht. Diese wenigen Sekunden reichen Jade, ihren Bruder aus der Gefahrenzone zu ziehen, bevor das Regal krachend aufschlägt. Alle atmen auf, dass nichts passiert ist. Während Aris Bobo hochhebt, sehen alle, dass sich die Sanduhr bereits umgedreht hat.
„Wir müssen uns wieder beeilen“, ruft Ophelia.
Alle nicken und begeben sich auf die Suche. Die meisten Bücher sind erstaunlich schnell gefunden, aber die letzten scheinen gut versteckt zu sein. Die letzten Körner rieseln durch die Uhr und Bobo fehlt noch ein Buch. Jade und Ophelia sind bereits durch das Portal gelaufen. Aris sieht zu seinem Sohn, der mehr als verzweifelt alle Ecken durchsucht und nichts findet. Ich kann es meinem Sohn nicht antun, überlegt Aris und hat eine Idee. Er drückt seine eigenen Bücher Bobo in die Klauen, gibt ihm ein Küsschen und schubst ihn durch das Portal. Kurz danach schließt sich das Tor. Aris sieht zur Sanduhr und denkt: „Hoffentlich schaffen sie es. Schließlich ist es noch ein langer Weg, aber ich suche selbst eine Möglichkeit.“
Das Dreiergespann findet sich an einem kleinen Hafen wieder, wo sich ein gigantisches Schiff befindet. Ophelia sieht sich um und fragt, wo Aris geblieben ist. Plötzlich bricht Bobo in Tränen aus und hält sich an Jade fest. Schluchzend stammelt er: „Er … er … hat mir seine Bücher gegeben und mich gerettet. Papaaaaa. Warum?“
Jade hält Bobo weiterhin fest und tröstet ihn so gut es geht. Ophelia sieht zu Bobo.
„Wir werden die restlichen Räume abschließen und dann sehen wir ihn wieder.“
Schniefend wischt sich Bobo die Tränen weg und sieht zu seiner Mutter.
„Wirklich?“
Lächelnd nickt sie und streichelt über seine Schuppen. Jetzt wird Jade laut und zeigt auf die beschriftete Tafel und die Sanduhr.
„Sie hat sich noch nicht umgedreht. Das ist aber nett von Mitran, dass wir noch unsere ganze Zeit haben.“
Bobo sieht zu Jade.
„Vielleicht kann er auch mal fair spielen und …“
„ICH SPIELE FAIR“, klingt eine düstere Stimme von überall.
Die Drei versuchen, die Quelle der Stimme zu orten; können es aber nicht feststellen. Ophelia ruft in den Himmel, wer er ist und warum er das tut. Darauf kommt ein Kichern.
„Wieso denn nicht? Ihr seid doch so gerne in diesen Glücksspielen. Dann ist es jetzt nur ein bisschen schwieriger für euch.“
„WO IST MEIN MANN!“, faucht Ophelia und aus ihren Nüstern steigt dunkler Rauch.
„Beruhige dich, Ophelia. NOCH ist er am Leben. Die Frage ist nur: wie lange noch, denn er versucht gerade auf die Schränke zu klettern und …“ …
Die Drachen hören nichts mehr von Mitran und fragen, was er noch sagen wollte. Kichernd meldet er sich wieder.
„Aris WAR noch am Leben. Beim törichten Klettern ist der schwere Schrank umgekippt. Nun liegt er zerquetscht darunter. Wollt ihr ihn sehen?“
Die drei bleiben wie erstarrt stehen. Mit Traurigkeit und Hass erfüllt könnte jeder diesen sadistischen Zauberer töten, aber ihnen sind die Hände gebunden. Mit Tränen betrachtet Ophelia die Sanduhr, die sich schwebend umdreht. Sie schluckt und spricht zu ihren Kindern, dass die Zeit läuft.
„Ihr zwei klettert die Ankerkette auf das Schiff und sucht dort nach den Steuerrädern. Ich werde rings um das Schiff tauchen. Das Tor ist auf dem Kahn.“
Während Ophelia ins Wasser springt und blubbernd abtaucht, klettern Jade und Bobo auf das Schiff. Oben am Deck angekommen, flitzt Bobo gleich nach unten. Jade sucht auf dem Deck und wird gleich fündig: Zwei Steuerräder hängen etwa 3 Meter hoch am Mast. Sie klettert vorsichtig nach oben und greift danach. Ophelia taucht rings um das Schiff und findet drei Steuerräder. Sie merkt, dass das Steuerrad im Felsen steckt und taucht nochmals auf, um nach Luft zu schnappen. Sie atmet kräftig ein und taucht nach dem dritten Objekt. Sie greift es und drückt mit ihren Hinterfüßen gegen den Felsen. Das Steuerrad gibt nach und Sekunden später hat sie es in den Händen. Plötzlich spürt sie ein Beben unter Wasser und taucht schnell auf. Sie blickt zum Schiff und erschrickt: Das Schiff geht unter. Ophelia schwimmt so schnell es geht zum Portal. In der Zwischenzeit flitzt Jade in den Bauch des Schiffes und sucht Bobo. Sie spürt etwas an ihrem Bein und sieht nach unten. Unter den Metallgitter befindet sich Bobo bis zur Brust im Wasser stehend. Es steigt immer höher und höher. Er reicht ihr durch das Gitter das gefundene Steuerrad und spricht wasserspuckend, bevor das Wasser seinen Raum komplett überflutet.
„Jade. Nimm es und flieh mit Mama. Ihr seid unsere letzte Chance und …“
Bobo verstummt, denn das Wasser hat den Raum komplett überflutet. Bobo hält trotzdem noch Jades Hand, bis er sie loslässt… Jade bleibt stehen und weiß nicht, was sie tun soll. Sie kommt aus den Gedanken zurück, als sie von oben Ophelia brüllen hört. Jade merkt, dass sie schon bis zu den Knien im Wasser steht und rennt schnell nach oben. Ophelia fragt, wo Bobo ist. Jade schluchzt…
„Bobo ist … Bobo ist….er hat mir das Steuerrad gegeben, bevor er… im Wasser …“
Ophelia drückt Jade, nimmt sie an die Hand und rennt mit ihr durch das Portal. Die zwei Drachinnen finden sich in einem kühlen, gefliesten Raum wieder. Das düstere Licht und die kühle Luft bringt Jade erneut zum Frösteln. Auf einem blutverschmierten Tisch befindet sich die goldene Sanduhr und eine kurze Beschreibung, die Ophelia achtsam durchliest.
„Dieser Raum erinnert mich an ein Krankenhaus der Menschen.“, murmelt Jade und öffnet vorsichtig eine Schiebetür. Dahinter befindet sich das nächste Portal und zwei weitere Türen. Ophelia geht Jade nach und teilt ihr mit, dass sie blutige Bücher suchen müssen.
„Ok Mama. Ich gehe durch die linke und du durch die rechte Tür. Wir treffen uns hier vor dem Portal.“
Ophelia nickt und hört mit ihren guten Ohren, wie der Sand durch die Sanduhr rieselt. Jade flitzt durch den Raum nach den Büchern, bremst aber abrupt ab. Vor ihr liegen viele Spritzen auf dem gefliesten Boden. Jade denkt kurz nach und schnippt mit den Krallen. Sie schnappt sich den Besen, der an der Wand neben ihr steht. Sie fegt vorsichtig die gläsernen Spritzen zur Seite, bahnt sich den Weg durch den Raum und sammelt die drei Bücher ein, die Kreuz und Quer im riesigen Raum verteilt sind. Plötzlich hört Jade einen Aufschrei von Ophelia und geht vorsichtig aus dem Raum. Dann nimmt sie ihre Beine in die Hand und rennt dem Aufschrei ihrer Mutter nach. Sie sieht, wie ihre Mutter schmerzerfüllt den linken Hinterfuß hochhebt. Jade zieht vorsichtig eine Spritze heraus und betrachtet die Einstichstelle, die Knallrot geworden ist. Sie schaut auf den Inhalt der Spritze: eine hellgelbe Flüssigkeit. Sie sieht zu Ophelia, die an Farbe verloren hat und am Taumeln ist. Sie hilft ihr vorsichtig, sich auf den harten kalten Boden zu legen. Sie fasst ihr an die Stirn und zuckt zusammen: Sie glüht. Ophelia will ihren Arm heben und wispert.
„Jade. Was ist passiert? Ich kann nichts mehr sehen. Bewegen kann ich mich auch nicht.“
Sie versucht ihr zu erklären, dass sie in eine Spritze getreten ist, die eine unbekannte Substanz beinhalte. Ophelia atmet immer schwerer und spricht so leise, dass Jade aufmerksam zuhören muss.
„Glaubst du, ich werde jetzt sterben?“
Jade wischt sich die wiederkehrenden Tränen aus dem Gesicht und flüstert ihr ins Ohr.
„Du schaffst es, Mama. Du bist ein großer starker Drache. Ich suche die restlichen Bücher für uns und dann flitzen wir durchs Portal.“
Ophelia zeigt ein schwaches Nicken und bleibt bewegungslos liegen. Jade sucht in allen Räumen nach den Büchern und linst ab und zu zur Sanduhr, die erbarmungslos weiterrieselt. Plötzlich zuckt sie zusammen, als sich die Uhr waagerecht hinlegt. Achselzuckend wollte sie weitersuchen, als sie eine bekannte Stimme hört; die Stimme von Mitran.
„Warum suchst du weiter, Jade. Du hast bereits genügend gefunden. Mehr brauchst du doch nicht.“
„Das stimmt doch nicht“, widerspricht Jade. „Wir zwei haben erst drei gefunden und …“
Jetzt laufen Jade wieder die Tränen.
„Bitte sagt mir nicht, dass meine Mama … Mamaaaa.“
Das sadistische Gelächter trifft Jade härter als ein Stich ins Herz. Mitran spricht in einem grausamen Ton.
„Deine liebe Mama sollte eben aufpassen, worauf sie tritt. Jetzt hat sie ihr Leid hinter sich. Willst du sie sehen?“
Jade schreit so laut auf und will Feuer speien – kann sie aber nicht; es kommt nur ein kleines Rauchwölkchen zum Vorschein. Mitran erneutes Gelächter bringt Jade zu noch mehr Zorn. Sie sammelt ihre emotionalen Kräfte und rennt mit den Büchern zum Portal und springt durch. Jade landet in einem Gebiet, was aus vielen kleinen Felsen besteht. Vor sich betrachtet Jade eine Tafel, und liest das Geschriebene.
Fast geschafft. Bring mir die 6 Diamanten auf den höchsten Felsen und es ist alles wie zuvor.
Sie sieht schluckend in den bodenlosen Abgrund und atmet tief ein und aus. Ich brauch nur noch die Diamanten finden. Komm Jade. Du schaffst es. Für die Familie. Sie springt vorsichtig von einem zum anderen Felsen und findet viele Diamanten. Manchmal rutscht sie auf dem Felsen ab; kann sich aber, Dank den scharfen Krallen, gerade so festhalten. Es ist fast soweit. Sie hat bereits fünf Diamanten gefunden und blickt zum höchsten Felsen auf. Jade sieht zu Mitran, der lachend den sechsten Diamanten in der Hand hält. Da er weit über ihr steht, kommt sie nicht so schnell in seine Nähe – fliegen geht weiterhin nicht. Jade sieht flehend zu Mitran.
„Ich dachte, wir können das Spiel gewinnen. Ich habe bereits meine ganze Familie verloren. Bist du jetzt glücklich?!“
Das Lachen von Mitran bringt Jade in pure Wut. Sie holt Anlauf und springt auf den steilen Felsen zu dem bösen Zauberer. Höhnisch grinsend beobachtet er zu Jade, die langsam aber sicher nach oben kraxelt. Er ist erstaunt, dass sie nicht aufgibt und sich ihm nähert. Sie hat es geschafft und steht nur wenige Meter neben ihm mit dem Diamanten in der Hand. Keuchend bittet Jade um diesen Edelstein. Er hält diesen zu ihr. Jade wollte sich bereits bedanken, aber dann passiert es. Mitran wirft den Diamanten den tiefen Abhang hinunter. Die fassungslosen Augen von Jade findet der Zauberer so amüsant, dass er für die Drachin ein Taschentuch aus seiner Robe kramt. In diesem Moment reagiert Jade wutentbrannt und springt auf den Zauberer zu. Dadurch kommt er aus der Balance und stürzt mit Jade in den tiefen Abgrund. Er wollte sich von ihr befreien, aber Jade hält ihn mit aller Kraft fest, damit er nicht entkommt.
Jade brüllt: „Es ist mir egal, ob ich sterbe, aber ihr habt meine Familie auf dem Gewissen.“
Mitran versucht sich weiterhin zu befreien; schafft es aber nicht. Das Drachenkind sieht, wie der Boden immer näher und näher kommt und denkt sich: Liebe Familie. Wir sehen uns bald wieder … und knallt mit einem dumpfen Schlag auf dem harten Felsen auf.
… und so findet auch diese Geschichte ein tragisches Ende …
…oder doch nicht? Denn…
… die Drachenfamilie wacht zeitgleich mit einem lauten Schrei auf. Sie sehen zum Fernseher, der ein Livevideo von Glücksspiel zeigt und atmen auf. Ophelia spricht voller Erleichterung: „So einen gemeinsamen Traum wollen wir nie wieder haben...“
Weitere Geschichten von brain2206
Keine Kommentare
Einen Kommentar hinterlassen