Vater unter Druck

Geschrieben von Heidi Köhne

„Papa, komm da raus!“, zischte Anne und klopfte gegen die A3 Schublade des zwei Meter langen Industriedruckers.

„Hätte ich jedes Mal einen Euro bekommen, wenn du zu Mama gesagt hast: ›Eines Tages komme ich nicht mehr aus dem Drucker zurück‹, wäre ich jetzt das reichste Mädchen an der Schule.“ 
Anne zog den Riemen ihrer Sandale fest. „Konnte doch keiner ahnen, dass du es ernst meinst.“

Ein kleines Schubfach unterhalb des Bedienpanels öffnete sich. Anne konnte das Aftershave ihres Vaters riechen. 
„Woher weißt du, in welcher Firma ich heute den Drucker repariere?“ Warme Luft begleitete seine Worte. 

Anne sah sich kurz um, ging in die Hocke und hielt den Mund nah ans Schubfach: „Weißt du, was das für ein Gefühl ist, wenn ein Anruf vom Arbeitgeber deines Vaters nach Hause kommt, der besagt, dass dein Vater während einer Reparatur ‘verschwunden’ sei?“ Sie sah die offene Werkzeugtasche auf dem Papiereinzugfach, eine lange Lasche ragte in ihre Richtung – wie eine rausgestreckte Zunge.

„Im Drucker ist es dunkel. Damit kenne ich mich aus.“
„Papa bitte, jetzt werd nicht melodramatisch.“
Ein tiefer Seufzer hallte aus dem Inneren, gefolgt von einem dumpfen Knall. Das Schubfach war wieder zu.

Der Drucker klapperte. Intensive Schluckgeräusche waren zu hören. Und dann: „Ptptptpt.“
Anne zog die Augenbrauen hoch.
Da – schon wieder: „Ptptptpt.“

„Papa!“, ihr Riemen löste sich erneut, „trinkst du etwa die Druckerpatronen leer? Das ist doch keine Saftkur!“

Stille.

Ein Blatt Papier schob sich am Ende des Druckers heraus. Anne griff es sich und schaute drauf.
Ihr Vater war gemalt. Mit tiefen Furchen auf der Stirn. Im strömenden Regen hetzte er mit Werkzeug zwischen zwei Jobs hin und her.

„Das Bild ist nur mit Schwarz gemalt“, bemerkte sie knapp.

Stimmengewirr drang aus dem Büro gegenüber. Ehe sich Anne versah, schoss neben ihr eine Schublade aus dem Drucker.
„Papa!“, erschrak sie. „Ich bitte dich. In ein A4 Fach passte ich zuletzt als Baby.“ 
Sie schob die Einladung mit dem Fuß zurück.

Die Bürotür öffnete sich. 

„Haben Sie Ihren Vater gefunden?“, fragte eine glänzende Halbglatze, unter der sich ein fülliger Mann hervorschob.

„Ähm, noch nicht“, stammelte Anne und rutschte mit dem Fuß ein Stück aus der Sandale. „Aber weit kann er nicht sein, seine Tasche steht noch hier.“
Der Mann versuchte einen langen Hals zu machen, um einen Blick zu erhaschen. Vergebens.
„Ich gebe Ihnen Bescheid, sobald ich ihn gefunden habe“, kürzte Anne die Situation ab.
„Ich bitte darum. Ihr Vater soll seinen Job zu Ende machen. Jedes Mal, wenn wir einen Druckauftrag an die Maschine schicken, erscheint ein pixeliges Männchen, das die Zunge rausstreckt.“

Anne lächelte verlegen und die Halbglatze ließ die Tür wieder ins Schloss fallen.

„Das Schwarz ist alle“, bemerkte die gedämpfte Stimme aus dem Druckwerk.
„Umso besser“, entgegnete Anne etwas lauter als sie es geplant hatte, „Nutz die restlichen Farben.“

Der Drucker schepperte – wie eine überquellende Besteckschublade.
Anne bollerte einmal beherzt mit der Faust auf das Gehäuse.
Der Vater, oder der Drucker, hustete. Anne wollte sich da nicht festlegen.
Das Schubfach öffnete sich quietschend: „Deine Mutter hat auch immer so reagiert“, murmelte die heisere Stimme, „und dann wunderte sie sich, dass die Dinge irgendwann nicht mehr zu reparieren waren.“

Anne zog das Schubfach zu.

Ein Räuspern, gefolgt von einem genüsslichen Schlürfen – wie zur Happy Hour – waren die Reaktionen ihres weiterhin versteckten Gegenübers. 
„Ptptptpt, surr surr, ptptpt.“
Ein weiteres Blatt fuhr heraus. Es fiel Anne direkt in die Hände.
„Unser Haus im Grünen“, flüsterte sie sanft, „da ist Mama noch mit drauf.“ Im Vordergrund stand die kleine Anne mit Papa an der Hand. Sie ließen zusammen einen Vogel aus Papier steigen. Das Bild strotzte vor Farbgewalt, so dass Picasso vor Neid pfeifend davongeschlichen wäre.

Anne hielt das Blatt eine Weile in den Händen.
Die Farben glühten, als hätten sie ein Herz.
„Mir fehlt sie auch“, flüsterte sie.
Der Drucker brummte leise. Dann schwieg er.

Das Bedienpanel piepte. In Großbuchstaben erschien das Wort: ‘PAPIERSTAU’
Anne kramte mit feuchten Händen einen Schraubenzieher aus der Tasche und öffnete damit gekonnt eine kleine Klappe. Mit spitzen Fingern zog sie ein weißes Blatt zwischen den Walzen hervor.

Sie tippte sich ans Kinn und lächelte.
Im Handumdrehen faltete sie daraus einen Vogel. 
Mit dem Schnabel voran klopfte sie damit an die große Druckertür.

Ein Klicken ertönte. 
Sie öffnete sich einen Spalt.
Die Hand ihres Vaters streckte sich ihr entgegen.

Zu dieser Geschichte gibt es 1 Kommentar

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Thora – gestern

Richtig spannender Einstieg. Ich würde am liebsten weiter lesen. ☺️