Das grüne Königreich

Das grüne Königreich

Die zwölfjährige Caspia muss den gesamten Sommer mit ihren Eltern in Brooklyn verbringen. Dabei hasst sie Großstädte, allen voran New York. Zu viele Menschen, zu laut, zu schmutzig.

In dem Kinderzimmer des Apartments, das die Familie gemietet hat, steht eine Kommode, in der Caspia Briefe von einem blinden Mädchen entdeckt, das an der Seite ihres Botaniker-Vaters in den 50er und 60er Jahren die Welt bereiste und Pflanzen auf ihre ganz eigene Art beschrieb. Jeder Brief wird mit einem Pflanzenrätsel eröffnet.

Und so macht Caspia sich auf die Suche, um die Rätsel zu lösen, und kommt dabei den unterschiedlichsten Pflanzen auf die Spur: Rose, Zimt, Löwenzahn, Bambus und vielen weiteren. Ganz nebenbei lernt sie die Orte und Menschen in ihrer neuen Nachbarschaft kennen ... und schlägt nach und nach Wurzeln an einem Ort, von dem sie es nie vermutet hätte.

Drei Monate. Weit weg von allem, was sie kannte ...

Die erste Nacht war schlimm. Dad hatte natürlich vergessen, darauf zu achten, dass die Wohnung eine Klimaanlage hatte, und in ihrem Zimmer war es so warm, dass Caspia das Fenster aufmachte, nur um festzustellen, dass es draußen nicht viel kühler war. Außerdem drang ein solcher Lärm von der Straße hinauf, dass

sie kein Auge zubekam und den Gedanken an Schlaf schließlich aufgab.

Es gab nur eine Stelle in ihrem Zimmer, wo das Internet richtig funktionierte – auf der Fensterbank. Also hockte sie sich dorthin und textete Laryssa und Ellie in der Hoffnung, dass sie noch wach waren. Es war erst halb zehn, und schließlich war es Freitagabend. Doch die beiden schliefen entweder schon oder waren unterwegs.

Laryssa verbrachte die Wochenenden oft mit ihren Cousins, und Ellie mit den »Wilmerton-Grünlingen« – die Caspias Großmutter  für Kommunisten hielt, seit sie Proteste gegen das neue Kaufhaus organisierten, das auf der Wiese neben dem Fluss gebaut werden sollte.

Caspia legte das Handy zur Seite, als sie keine Antwort erhielt, und seufzte. Drei Monate! Sie schloss die Finger um den kleinen Tonfisch, den sie an einem Band um den Hals trug. Laryssa und Ellie hatten denselben. Sie hatten sie sich in einem kleinen Laden in Wilmerton gekauft, um zu feiern, dass sie schon seit sieben Jahren befreundet waren. Das war mehr als ihr halbes Leben! Drei Monate. Sollte sie einen Kalender anlegen, auf dem sie die Tage abhaken konnte? Nein, das würde sie nur daran erinnern, wie viele es noch waren. Vielleicht sollte sie ihre Sachen einfach im Koffer lassen, damit es sich so anfühlte, als würden sie bald

wieder fahren. Sie seufzte erneut und musterte ihren Koffer. Nein, Caspia, sagte sie sich. Es sei denn, du willst dich als Landei aus Maine outen, das mit zerknitterten T-Shirts in Brooklyn rumläuft. Sie konnte nur hoffen, dass die Leute hier nicht so gemein zu ihr sein würden, wie sie und Ellie es zu den Touristen aus New York oft waren ...

Unter dem Fenster stand eine große alte Kommode. Vielleicht sollte sie ihre Sachen da reinlegen. Sie war eigentlich ganz schön. Natürlich war sie ebenfalls mit Blumen bedeckt. Aber diese sahen aus, als hätte sie jemand selbst gemalt, jemand, der sich Mühe gegeben hatte, echte Blumen abzubilden, auch wenn Caspia keine Ahnung hatte, welche. Sie hatte nie viel auf Pflanzen geachtet, außer auf das giftige Efeu, das am Fluss wuchs. Sie fuhr mit den Fingern über die gemalten Blüten und Blätter. Sie konnte Pinselstriche spüren. Ja, jemand hatte sie tatsächlich mit der Hand bemalt.

Die oberste Schublade ließ sich nur mit einem starken Ruck öffnen. Aber das kannte sie von den alten Kommoden ihrer Großmutter. Überraschung! Die Schublade war mit verblichenem Blumenpapier ausgelegt. Caspia bedeckte es mit ihren T-Shirts und ihrer Unterwäsche. In der zweiten war Platz für ihre Hosen und

Socken. Und für all die Pullover, die sie mitgebracht hatte, weil sie an kühles Maine-Wetter gewöhnt war. Würde es so warm bleiben? Wie konnte man in dieser Hitze auch nur irgendwas zustande bringen?

Die untere Schublade klemmte noch schlimmer als die anderen, und Caspia war kurz davor, aufzugeben, als sie sich endlich bewegte. Diese war nicht leer. Ein Bündel mit Briefen lag auf dem Blumenpapier – als wäre es hinten aus der Schublade gerutscht, als sie sie aufgezogen hatte.

Briefe ... das fühlte sich so altmodisch an wie die Tapete. Eine ihrer Großtanten schickte noch Geburtstagskarten in Umschlägen. Aber Caspia konnte sich an keinen anderen Brief erinnern, den sie je geöffnet oder auch nur in den Händen gehalten hatte. Die Umschläge waren lang und schmal und aus blassgrünem

Leinenpapier. Jemand hatte sie mit einem dunkelgrünen Samtband zusammengebunden und eine getrocknete Blume unter die Schleife geschoben. Sie war violettblau.

Caspia nahm das Bündel aus der Schublade. Es sah aus, als wären die Briefe jemandem sehr kostbar gewesen. Vielleicht der alten Frau, die hier gewohnt hatte. Es war wohl besser, der Vermieterin von ihnen zu erzählen. Aber die Briefe sahen so einladend aus. Als flüsterten sie: Caspia, komm schon. Lies uns! Wir haben auf dich gewartet.

Waren es Liebesbriefe? In Filmen waren sie das normalerweise. Caspia machte ein Foto, um es an Ellie und Laryssa zu schicken. Die violette Blume fiel ihr in den Schoß, als sie die Schleife aufband, und die Umschläge fühlten sich an, als könnten sie es kaum erwarten, die Worte, die in ihnen versteckt waren, zu offenbaren. Es waren zehn Briefe, und sie waren alle schon einmal geöffnet worden. Die Handschrift auf den Umschlägen war ausladend und altmodisch. Caspia konnte sie kaum entziffern. Der Empfänger war immer derselbe.

Minna Reynolds

2101 Beekman Place #5 C

Brooklyn, NY

USA

Das war die Adresse dieser Wohnung. Aber die Adresse des Absenders war auf jedem Brief eine andere. Von einigen Orten wusste Caspia nicht mal, wo sie waren, aber sie kannte einige der Länder: China, Ägypten, Schottland ... ja, die Briefe kamen von überallher, aber nur eine Person hatte sie geschickt.

Rosalinde Reynolds

Caspia zögerte und strich über den ersten Umschlag. Was konnte es schon schaden, wenn sie einen der Briefe las? Dad konnte sie danach immer noch der Besitzerin geben. Sie öffnete den Umschlag und zog den Brief heraus, der so

sorgfältig gefaltet war, dass er genau hineinpasste. Das Papier war ebenso blassgrün wie der Umschlag, und die Handschrift darauf war auch dieselbe.

Liebe Schwester,

hier kommt mein erstes Rätsel! Damit wir zusammen reisen können, obwohl Du so weit weg bist. Wie versprochen, werden die Pflanzen, die Du erraten musst, weder sehr selten noch Dir unbekannt sein. Außerdem hat jede eine Verbindung zur menschlichen Welt.

Stell Dir vor, Minna, Papa und ich sind inzwischen richtige Berühmtheiten! Der britische Botaniker und seine blinde Tochter, die zusammen die Welt bereisen, um das grüne Königreich zu erkunden. Ich mach all die Gärtner ziemlich nervös, wenn ich mit meinen Fingern ihre Pflanzen berühre, um sie kennenzulernen! Aber ich glaube, den Pflanzen gefällt es.

Also ... hier sind, wie abgemacht, fünf Hinweise, die Dir das Raten erleichtern! Aber hoffentlich nicht zu sehr!

Caspia starrte auf den Brief in ihrer Hand, während draußen die Nacht immer noch mit Stimmen und Autolärm gefüllt war. Es stand ein Datum oben in der rechten Ecke: 27 . März 1958 . Selbst ihre Mutter war da noch nicht geboren. Aber die Worte auf dem blassgrünen Papier ... sie waren so lebendig. Sie klangen, als hätte jemand nach ihrer Hand gegriffen.

»Hallo, Rosalinde«, sagte sie leise. »Freut mich, dich kennenzulernen.«

Nein, sie würde diese Briefe nicht zurückgeben. Noch nicht.

Die Arbeit an diesem Buch war aus vielen Gründen ungewöhnlich. Seinen Anfang nahm die Idee zur Geschichte, als ich ein Buch von Tammi Hartung las. Tammi ist eine Ethnobotanikerin und Kräuterzüchterin aus Colorado. Mir gefiel sehr, wie Tammi über Pflanzen schrieb und irgendwann kam sie mich dann besuchen in Malibu. Wir wurden Freundinnen und beschlossen, ein Buch zusammen zu schreiben, das die Leser dazu inspiriert, sich das "Grüne Königreich" einmal aus der Nähe zu betrachten, und das vielleicht einige dazu bringen würde, sich in die Welt der Pflanzen zu verlieben.

Es brauchte eine ganze Weile, bis wir wussten, welche Art Buch es wird. Sachbuch? Roman? Ich glaube mich zu erinnern, dass es ein Kommentar von Tammis Mann Chris war, der uns erkennen ließ, dass es eine Geschichte sein sollte, weil auch Tammi und ich Geschichtenerzählerinnen sind.

So erzählt "Das grüne Königreich" die Geschichte von Caspia, die einen Sommer lang in Brooklyn verbringen muss, obwohl sie viel lieber zu Hause bei ihren Freundinnen bleiben würde. Es ist außerdem die Geschichte von zehn Briefen, die Caspia in einer Schublade findet, geschrieben von einem blinden Mädchen namens Rosalinde, adressiert an deren Schwester Minna. Jeder dieser Briefe enthält ein Rätsel, hinter dem sich eine bestimmte Pflanze versteckt. Caspia macht sich auf die Suche — und findet nicht nur zehn Pflanzen, sondern noch so viel mehr auf ihrer abenteuerlichen Reise in das grüne Königreich.

Ich habe die Geschichte in englischer Sprache geschrieben, damit Tammi lesen und kommentieren und ihre Ideen ergänzen konnte. Meine Tochter Anna hat das Buch ins Deutsche übersetzt. Annas Mann Mike (er ist Koch) hat für jede Pflanze ein Rezept geschrieben. Und Franziska Blinde, eine meiner Artists in Residence, hat das Buch hier bei mir in Volterra illustriert. Es war das erste Mal, dass ich ein Buch überarbeitete während die Illustratorin nebenan am Schreibtisch saß. Das werde ich nie vergessen!

Ach ja, abends haben Franziska und ich dann immer Dr Who zusammen geschaut. Den 11. Doctor ;)