Die Schimpfe

Geschrieben von Solli

Kennst du schon die Schimpfe? Nein? Ich glaube schon. Jeder kennt sie, denn sie ist immer da. Meistens versteckt sie sich. Lauert auf den richtigen Moment. Sie kann warten. Sie ist nicht groß und kann sich in die kleinsten, dunkelsten Winkel zwängen. Dunkel ist ihre Lieblingsfarbe. Obwohl „dunkel“ natürlich keine Farbe ist. Vielleicht ist es eher ihre Vorbotin und ihre Nachhut. Vor dem Rot der Schimpfe kommt Dunkelheit. Mal schneller, mal schleichender. Teilweise merkt man es gar nicht. Dann merkt man die Schimpfe erst, wenn man schon in Flammen steht. Wenn das Rot erstmal da ist, ist die Schimpfe plötzlich auch gar nicht mehr so klein. Auf einmal ist sie so raumeinnehmend, dass einem die Luft zum atmen ausgeht. Die Schimpfe lacht nur und tanzt wild geworden herum. Ihr Tanz ist stichelnd und piesackend. Und schon wird man rasend und blind vor Wut. Hitze und Kälte in Wellen. Das Herz wird klein und egoistisch. Alle sind gegen dich. Alles nervt. Totaler Tunnelblick. Keine Zeit für rechts und links. Wann werden die anderen das endlich kapieren? Weg, einfach nur weg von hier! Schüttle sie ab! Das Dumme ist nur, dass die Schimpfe dich immer begleiten wird. Da gibt es kein Entkommen. Und das weiß sie ganz genau, kostet es genüsslich aus, dass du ihr ein ums andere Mal auf den Leim gehst.

Zu dieser Geschichte gibt es 2 Kommentare

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Anne – 7. Dezember 2025

Schön märchenhaft geschrieben. In Märchen steckt auch viel Wahrheit.

Ich hab Schimpfe, wenn es ging, vermieden, ich hab an meinen grossen Geschwistern gesehen, wie sie Schimpfe und Schläge erhielten. Ja wie Du schreibst, haben wir der Schimpfe einen Platz in uns selbst gegeben. So erziehen wir uns selbst weiter. Ich bin schon 71 und sie ist immer noch da. Irgendwie ist die Schimpfe mit der Angst verwandt. Darüber könnte ich ein Buch schreiben.

Lotte Gaul – 30. Juni 2023

Deine Geschichte ist Super! (Ich kann keine solchen Texte schreiben) Deine Lotte