Ich erzähl' mir eine Geschichte

Geschrieben von Lee Farce

Ich sitze in einer Ecke im Park auf einer alten Bank, die ihr hohes Alter dem roten Stein verdankt, aus dem der Steinmetz sie formte. Ich sitze auf einer alten Bank und der Frühling treibt Blüten und der Wind ihren Geruch ganz durcheinander. Er spielt mit ihnen, sanft und stürmisch, wild und frei und er formt aus Düften kleine Wirbel, die sich ständig verändern und die Hunde verwirren. Ich sitze auf einer Bank im Park und trage einen Schal um den Hals und eine Tasche auf den Knien. Den Schal trage ich aus zwei Gründen, die Tasche habe ich aus tausenden dabei. Der Schal ist ein wärmendes Geschenk einer wärmenden Person und ich trage ihn, weil der Winter mir noch Bemerkungen zuflüstert wenn ich im Schatten gehe oder unter Wolken oder zu lange an einem Ort verweile. Ein Park ist ein guter Ort zum Verweilen, besonders an windigen Tagen, denn dann ist er einsamer, Wind bringt Wolken – und wer weiß vielleicht wird es regnen? Besser man legt die Füße hoch, macht sich noch einen schönen Tee und blickt die Welt durch eine Scheibe an. Der zweite Grund ist ein eitler, denn der Künstler ist bestrebt als Teil seiner Zunft erkannt zu werden, und der Schal ist ein geradezu obszönes Klischee geworden, dem ich mich einfach nicht verwehren kann.

Es riecht nach Flieder, nach Frühlingsblumen und Bienenflügen, als ich die tausend Gründe von ihrem Umschlag befreie. Heute will ich mein Manuskript vortragen, es hat gedauert, lang und länger und es ist deshalb auch längstens nicht fertig, doch heute will ich es zum ersten Mal fremden Ohren anvertrauen, in der Hoffnung sie mögen nicht schmerzen (Obwohl das wohl mehr mit Stimme als Inhalt zusammenhängen mag). Ich sitze auf einer roten, sandsteinernen Bank, in einer Ecke im Park. Heute lese ich einer Taube meine Geschichte vor, denn der Schmetterling kommt nicht. Er hatte es mir fest versprochen, obwohl nein das stimmt nicht, zumindest, ich hatte es mir sehr fest gewünscht. Der Schmetterling ist klein und grün und braun wenn er sich nicht bewegt und wenn er fliegt bin ich mir Sicher: der Schmetterling hat seine Kleider aus einem Stückchen Himmel geschneidert. Mancher Menschen Augen strahlen von gestohlenen Sternen und für die Farben des Schmetterlings raubte man dem Himmel das Blau. Doch der Schmetterling kommt nicht. Wer weiß, vielleicht kommt er ja später, vielleicht, wer weiß, vielleicht doch eines Tages, kann ich dem Schmetterling meine Geschichte vorlesen, ich traue mich und packe mir ein bisschen Hoffnung ein und stelle mir vor wie der Schmetterling meine Geschichte wohl findet. Manche Träume möchte man festhalten, nicht um sie zu besitzen, sondern weil sie die Zukunft flauschig und kuschelig machen und man sich in ihnen einrollen und wärmen kann. Träume sind Plüschtiere, die die Seele umarmen. Sie sind Bunt und warm und die Nacht dadurch nicht mehr so dunkel. Vielleicht ist der kleine Schmetterling auch nur ein Traum um die Nacht zu vertreiben und vielleicht ist er doch mehr, mehr als das was. Ich bin ein wenig verträumt und singe mir ein kleines Lied aus meiner Geschichte:

„Grube und Abgrund,
Und Schatten im Blau,
Grün ist die Asche,
Das Meer färbt sich grau
Himmel und Sommer,
Im Liede vergehen
Rot fallen Stürme
Nur Hoffnung mag stehen
frei frei frei
sind die Augen
und
frei frei frei
ist der Wind
Frei frei frei
ist die Liebe
Und alles nimmt
Der Augenblick
Wenn er zerbricht“

Die Taube legt den Kopf ein wenig schief und betrachtet mich aufmerksam, zwischendurch fährt sie fort Futter zu picken. Vielleicht ist die Taube wirklich nur eine, vielleicht ist sie aber auch eine Person. Vielleicht ist die Taube ein Freund der neben mir sitzt, vielleicht heißt die Taube Mark, ist einen Meter achtzig groß, dunkelhaarig und so einmalig sie selbst, dass sie laut Knisternd die Alufolie vom Döner mitisst ohne es zu merken.

Er betrachtet mich von der Seite, den Kopf schief gelegt, genau wie die Taube. Er sieht meinen Blick, zumindest einen Teil, davon, den den er versteht und fragt kauenderweise: „Was ist?“
„Die Geschichte.“ Ich blicke ihm tief ins Gesicht.
Er nickt. „Die an der du nie schreibst und von der du nur sprichst?“
„Sie ist fertig.“
„Tatsächlich?“
„Na ja eigentlich nicht, eigentlich gar nicht, noch lange, aber ich will sie dir trotzdem erzählen.“
„Deswegen haben wir uns doch hier getroffen. Man könnte also fast meinen ich habe es befürchtet.
Achso“, er beißt knisternd in seinen Döner und schlägt die Beine übereinander „Wo ist denn eigentlich -?“
„Kommt nicht“ unterbreche ich ihn direkt, bevor er seine Frage vollenden kann. Der kleine Schmetterling kommt nicht. Obwohl, ich hoffe noch. Vielleicht kommt der Schmetterling nur ein wenig zu spät.
„Achso.“ Mark nickte. „Na dann.“ Eine kleine Pause sickert zwischen uns zusammen, während ich mein mit Handschriftlichen Anmerkungen übersätes Manuskript auspacke. Ich schweige. Er wartet. Ich besehe die Seitenzahlen nocheinmal und lese mir Anmerkungen durch, die ich bereits auswendig kann. Mark wartet. Ich merke wie ich etwas nervös werde. Das ist immerhin mein erstes Mal und ich bin mir auf einmal sehr unsicher. Was wenn es in Wirklichkeit ganz fürchterlich ist? Mark ist die Geduld ausgegangen. „Spannender wirds nicht“ sagt er. „Also bitte“, er macht eine weit ausholende Geste. „Leg los.“

Ich räuspere mich und der Wind betrachtet die lose zusammengehefteten Blätter, die meine Geschichte verstecken. Neugierig rüttelt er an ihnen.

Ich nehme einen tiefen Atemzug.
„Diese Geschichte beginnt mit einem Knall. Mit einem leisen Protest und dem Gefühl des Unbehagens, das heimlich den Rücken hinabkriecht. Diese Geschichte beginnt als -“
„Tschuldige, dass ich dir hier schon so direkt ins Wort fallen muss“, meint Mark und knüllt die Leere, angegessene Dönerverpackung zusammen, „aber was für ein Genre ist deine Geschichte nochmal?“
Ich blinzele. „Es ist eine Fantastische Geschichte.“
„Fantasy?“
„Auch ein wenig.“
„Eine Fantasygeschichte mit auch ein wenig Fantasy? Wie soll denn das gehen?“
„Es ist keine Fantasygeschichte! Es ist eine fantastische Geschichte.
„Und wo ist da der Unterschied?“
„Fantasygeschichten folgen den Regeln des Fantasy. Fantastische Geschichten sind frei.“
„In meinen Ohren ist der einzige Unterschied die Sprache. Einmal in Englisch und einmal in Deutsch.“
„Es ist eine Fantastische Geschichte!“
„Chill…“, Mark hebt abwehrend die Hände und grinst ein wenig verlegen.
„Darf ich sie jetzt erzählen?“
„Unbedingt.“ Mark beugt sich vor, stützt den Ellbogen auf seinen Oberschenkel und das Kinn auf die Faust und blickt mich aus viel zu großen Augen übertrieben aufmerksam an.
Sofort muss ich lachen.
Er auch.
Als wir uns wieder beruhigt haben fahre ich fort meine Geschichte zu beginnen:

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