Miró Tiebe Kunststudent an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg

Foto: Michael Orth

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Im Sauerland geboren und in der Nähe von Oldenburg bei Bremen aufgewachsen, zog Miró vor ein paar Jahren für das Studium nach Hamburg. Miró ist einer von zehn Künstlerinnen und Künstlern, denen Cornelia, der Hamburger Dressler Verlag und die HAW Hamburg 2019 mit einem Stipendium einen Aufenthalt auf Cornelias Farm in Malibu ermöglicht haben. Die Studierenden waren eingeladen, eine Illustration zu einer Geschichte aus der Reckless-Welt von Cornelia anzufertigen.

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Foto: Michael Orth

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Was hat dich zur Kunst gebracht?

Ich habe schon immer gerne gezeichnet und gemalt. Zum Entspannen und zum Zeitvertreib. Mit sieben oder acht Jahren habe ich mal eine komplette Tapetenrolle vollgemalt, mit einer Reihe von irgendwelchen verrückten Drachen. In der vierten Klasse hat man bei mir Legasthenie diagnostiziert. Das scheint mir heute logisch, ich habe die Buchstaben eigentlich gemalt, ich wusste gar nicht, was ich da tue.

Irgendwann habe ich für mich dann rausgefunden, dass die Kunst mein Ausdruckmittel ist. Und ich habe immer Unterstützung und positives Feedback erfahren. Von meiner Familie, von meinen Lehrern, von Mitschülern und Freunden.

Meiner Oma habe ich kürzlich mal eine Zeichnung gezeigt, die ich für meine Bachelor-Arbeit gemacht habe, und sie guckt sich das so ganz nüchtern an und meint: "Ach, Miró, ich finde das klasse, dass du das alles so machst, und ich stehe auf jeden Fall hinter dir, aber ich verstehe das nicht. Ich muss das auch nicht verstehen, aber ich finde das gut." "Oma", habe ich gesagt, "alles gut, mach dir keinen Kopf, es freut mich sehr, dass du so hinter mir stehst."

Meine Mutter ist für mich auch immer konstante Unterstützung gewesen. Ich bin Perfektionist, schneide aus meinen Skizzenbüchern Zeichnungen raus, die mir nicht gefallen. Meine Mutter hat sie früher dann immer wieder aus dem Müll gezogen und sicher verwahrt.

Mein Malerei- und Zeichenlehrer hat mich in der elften oder zwölften Klasse gefragt, ob ich ihm nicht mal helfen kann beim Unterricht. Ich habe also meine Klassenkameraden mit unterrichtet, die das alle gut aufgenommen haben.

Dann bin ich ein Jahr an der Kunstoberschule gewesen für das Fachabitur und habe auch dort tolles Feedback bekommen. Das stärkt natürlich die Entschlossenheit und das Durchhaltevermögen.

Nach dem Fachabi habe ich mich an vielen Unis beworben und bin überall abgelehnt worden. Den meisten waren meine Mappen nicht spezifisch genug. Dann hörte ich, dass es in Hamburg Mappenvorstellungsgespräche gibt. Man geht hin, zeigt seine Mappe, bekommt Vorschläge von Studenten, was man machen kann. Dort hat man mir empfohlen, noch ein paar bunte Sachen, Aquarelle, reinzubringen, Portraits, etc. Schließlich wurde ich zur Aufnahmeprüfung eingeladen.

Vor gut einem Jahr habe ich nun an der HAW meinen Bachelor gemacht. Im theoretischen Teil der Bachelor-Arbeit habe ich eine soziologische Abhandlung geschrieben, über die Deeskalation auf Demonstrationen. In diesem Rahmen sind auch meine transparenten Schattenmasken entstanden, die den Menschen hinter der Maske (Demonstrantenmaske oder eben auf der Gegenseite Polizeihelm) erkennen lassen.

Miró mit einer seiner Schattenmasken (Foto: Michael Orth)

Miró mit einer seiner Schattenmasken (Foto: Michael Orth)

Wie hat sich für dich die Möglichkeit ergeben, an Cornelias "Artists-in-Residence-Programm" teilzunehmen?

Es gab eine Ausschreibung an meiner Hochschule. Ich hatte das nur über einen Kommillitonen mitbekommen, der meinte: "Da gibt es einen Wettbewerb, das hört sich eigentlich nicht so nach unserer Richtung an, Miró, aber man kann nach LA reisen, und man kann Cornelia Funke kennen lernen!" Das fand ich natürlich reizvoll.

Ich kannte Cornelia. Zwar war ich durch meine Legasthenie ihren Büchern nicht so verbunden, aber ich kannte die Hörbücher und die Filme. "Tintenherz". Ich fand die Geschichte, die Idee dahinter, toll. Und auch Pans Labyrinth hat mich beeindruckt. Ich verschlinge, seit ich klein bin, fantastische Geschichten. Mit vier habe ich zum ersten Mal ein Hörspiel von "Herr der Ringe" gehört. Das ist noch heute mein Lieblingshörspiel. Das war unglaublich gut vertont. Und seitdem fresse ich eigentlich alles, was Fantasy ist. "Harry Potter", die Scheibenwelt von Terry Pratchett, "Game of Thrones", ... .

Durch meine Legasthenie bin ich natürlich nicht der große Leser, aber ich habe trotzdem viele Bücher, weil ich das Buch als Medium liebe, als ästhetisches Ding, als Gegenstand. Und ich finde es bewundernswert, wie Menschen es schaffen, Bilder in Worte zu verpacken.

Als ich den Entwurf für Cornelias Wettbewerb gezeichnet habe, habe ich mich stark damit auseinandergesetzt, ob ich nicht mehr Emotion, mehr Gefühle in meinen Stil verpacken sollte. Ich hatte vorher sehr plakativ gearbeitet. Für meine Bachelorarbeit habe ich mich viel mit Techno-Kultur auseinandergesetzt, Plakate gezeichnet und auf 100 x 70 gesiebdruckt. Die sind eindrucksvoll und man sieht, worum es geht, aber sie sind eben sehr sachlich, es ist nie eine zwischenmenschliche Ebene zu sehen. Das hat mich gestört.

Dann habe ich also die Arbeit für den Wettbewerb eingereicht und Cornelias Kommentar dazu war genau das, was ich mir wünschte. Sie hatte geschrieben, dass sie es beeindruckend findet, wie ich es durch mein organisiertes und grafisch-stilistisches Tun trotzdem schaffe, die Situation und das Mystische, Märchenhafte zu verpacken.

Mirós Entwurf für den Wettbewerb (Foto: Michael Orth)

Mirós Entwurf für den Wettbewerb (Foto: Michael Orth)

Wie hat dir die Zeit auf der Farm gefallen? Hast du dort Inspiration gefunden?

Das war richtig, richtig krass. Ich habe Cornelia, als ich wieder zurück in Hamburg war, auch einen langen Brief geschrieben. Nach meiner Ankunft in Malibu hatte ich plötzlich richtig Bock zu malen. Da war diese Energie. Und wenn ich male, bin ich energetisch, bleibe nächtelang wach.

Cornelia hat mir eine alte Leinwand gegeben, und ich habe angefangen. Und ich habe überhaupt nicht im Stil gearbeitet, wie ich in der Zeichnung gearbeitet habe. Ich habe einfach nicht mehr über die Stilistik nachgedacht, und das tat mir gut. Das war damals sehr inspirierend.

Keine Angst vor großen Flächen (Foto: Michael Orth)

Keine Angst vor großen Flächen (Foto: Michael Orth)

Was hast du von dort mit nach Hause genommen?

Ich bin in Hamburg wieder angekommen und war total im Film und dachte: Ich muss jetzt so weiter zeichnen und malen, wie ich es in Malibu begonnen habe. Das tut mir total gut. Ich habe seit meiner Rückkehr das Gefühl, das ist genau das, was ich bin. Vor Malibu hatte ich mich davor verschlossen. Der Aufenthalt auf der Farm hat mir eine neue Kraft und den Willen dazu gegeben. Und seitdem läuft alles sehr gut. Ich bekomme Anfragen für verschiedenste Projekte.

Foto: Michael Orth

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